89 Maßnahmen, drei Favoriten: Bürgerbeteiligung zum Mobilitätsplan in Bottrop
Je gründlicher eine Stadt ihren Mobilitätsplan ausarbeitet, desto schwieriger wird es, die Menschen danach zu fragen. In Bottrop lagen am Ende 89 Maßnahmen auf dem Tisch, von Schulwegeplänen bis zur Fördermittelstrategie. Jede einzelne ist fachlich begründet. Zusammen ergeben sie eine Liste, die niemand abends nebenbei durcharbeitet.
Die Stadt hat sie trotzdem zur Bürgerbeteiligung gestellt. Vom 23. September bis zum 11. Oktober 2026 konnten alle Interessierten auf mobil-in-bottrop.de mitreden, ohne vorher ein Konto anzulegen. Die Beteiligung ist inzwischen beendet, die Ergebnisse will die Stadt in Kürze bereitstellen. Über Zahlen lässt sich deshalb noch nichts sagen.
Über die Methode schon.
Ein Plan mit Vorgeschichte
Die Maßnahmenbeteiligung war nicht die erste Runde. Der Bottroper Mobilitätsplan folgt dem europäischen Modell des Sustainable Urban Mobility Plan. Bis Dezember 2025 lief bereits eine Online-Beteiligung zu Stärken und Schwächen. Für das Leitbild kam das Projektteam am 1. April 2026, dem Markttag vor Ostern, in die Fußgängerzone und baute am Infopunkt der Stadt Bottrop einen Dialogstand auf. Online gab es vom 1. bis 6. April eine Mitmach-Alternative. Für Kinder gab es ein eigenes Begleitangebot. Das passte, denn eine der Fragen lautete, wie sich Bottrop aus Sicht der jungen Generation verändern sollte.
Wer an einem Markttag Gemüse kauft, rechnet nicht mit einer Frage zur Netzhierarchie. Genau deshalb erreicht aufsuchende Beteiligung am Marktstand so oft Menschen, die online nie mitgemacht hätten. Mehrere Runden sind bei Mobilitätsplanungen ohnehin eher die Regel, auch das Nahmobilitätskonzept in Allach-Untermenzing hat zweimal gefragt.
Begleitet hat die Beteiligung das Büro DialogWerke, die Plattform dahinter haben wir eingerichtet.
Aus dem Leitbild stammen die sechs Dimensionen, nach denen die 89 Maßnahmen sortiert sind. Auf der Projektseite stehen sie in Großbuchstaben, jeweils mit der Zahl ihrer Maßnahmen:
- SICHER (10 Maßnahmen), für mehr Verkehrssicherheit
- NACHHALTIG (16), für emissionsarme Fortbewegung
- ERREICHBAR (21), damit Ziele unabhängig vom Verkehrsmittel gut erreichbar sind
- VIELFÄLTIG (20), für soziale Teilhabe
- LEBENSWERT (10), für mehr Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum
- DYNAMISCH (12), damit der Plan sich auch langfristig weiterentwickelt
Zwei Schritte statt einer langen Liste
Das Grundproblem ist schnell beschrieben. Wer 89 Maßnahmen einzeln bewerten lässt, bekommt Antworten von den wenigen, die bis zum Ende durchhalten. Alle anderen steigen irgendwo zwischen Radverkehrszählstellen und Ladezonen aus.
Bottrop hat die Frage deshalb geteilt. Der erste Schritt, die Priorisierung, will nur wissen, was den Leuten am wichtigsten ist. Aus jeder Dimension lassen sich bis zu drei Favoriten wählen, laut Projektseite dauert das etwa zehn Minuten. Der zweite Schritt besteht aus sechs eigenen Umfragen, eine je Dimension. Dort sucht man sich die Maßnahmen heraus, zu denen man tatsächlich etwas zu sagen hat, und zwar so viele, wie man möchte.
Dass die Öffentlichkeit bei der Auswahl von Maßnahmen mitreden soll, ist keine Bottroper Eigenheit. Die europäischen Leitlinien für nachhaltige Mobilitätspläne, deren dritte Ausgabe 2026 erschienen ist, widmen dem einen eigenen Schritt. Die lange Liste der Maßnahmen soll gemeinsam mit Akteuren entstehen und bewertet werden, und neben der Wirksamkeit zählt ausdrücklich die Akzeptanz. Wie man diese Akzeptanz bei 89 Einträgen erfragt, ohne die Hälfte der Leute auf Seite zwei zu verlieren, muss dann jede Stadt selbst herausfinden.
Drei Favoriten, gemischte Reihenfolge
Ganz am Anfang der Priorisierung steht übrigens keine Maßnahme, sondern die Frage, wie man selbst unterwegs ist. Auto am Steuer oder auf dem Beifahrersitz, Bus und Bahn, Fahrrad samt E-Rad und Lastenrad, zu Fuß, laut Fragebogen „inkl. Rollstuhl oder weitere Hilfsmittel“. Bei der Auswertung lässt sich so vergleichen, ob Radfahrende andere Prioritäten setzen als Leute, die jeden Morgen mit dem Auto pendeln.
Nach ein paar Angaben zur Person folgen die sechs Dimensionen, und bei jeder ist die Reihenfolge der Maßnahmen zufällig. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Bei zehn bis 21 Einträgen und nur drei Stimmen würde die Position in der Liste sonst mitentscheiden, weil die oberen Einträge schlicht öfter gelesen werden.
Auch die Länge ist bewusst gebaut. Sichtbar ist zunächst nur der Titel einer Maßnahme, die Beschreibung öffnet sich über „Mehr Infos“. Wer weiß, was „Schulwegepläne erstellen“ bedeutet, wählt einfach aus. Wer es genauer wissen will, öffnet die Info.
Und in den Beschreibungen kommen die Fachbegriffe gleich mit Übersetzung. In der Verkehrsplanung heißt das Ding Lichtsignalanlage, alle anderen sagen Ampel. Die Bottroper Liste schreibt „Lichtsignalanlagen (= Ampeln)“ und erspart sich damit jede Grundsatzdebatte. Aus dem Kfz-Netz wird ein „Netz für Kraftfahrzeuge, z. B. Auto oder Lkw“. Und hinter Vision Zero steht in Klammern, worum es eigentlich geht, nämlich dass niemand mehr im Straßenverkehr getötet oder schwer verletzt wird.
Eine Hol- und Bringzone vor der Schule
Wie aus einer Zeile auf der Liste ein konkreter Hinweis wird, zeigt eine Maßnahme aus der Dimension SICHER. „Hol- und Bringzonen schaffen“ gehört dort zusammen mit den Schulwegeplänen und dem Fahrradparken an Schulen zu den Vorhaben rund um den Schulweg. Die Beschreibung sieht Haltezonen vor, die bewusst ein Stück vom Schuleingang entfernt liegen. Mittelfristig sollen sie an allen Schulen entstehen. Zugleich werden die Wege zwischen Zone und Schultor aufgewertet und gesichert, als Beispiel nennt die Liste die Gregorstraße.
In der Priorisierung ist das ein Kästchen unter zehn. In Umfrage 1 wird daraus eine eigene Seite. Wer die Maßnahme auswählt, bekommt dort zuerst eine offene Frage, was bei der Umsetzung zu beachten ist. Darunter liegt eine Karte von Bottrop, auf der man einen Punkt setzt, wo die Maßnahme aus eigener Sicht hingehört.
Wer morgens um zehn vor acht vor einer Schule hält, weiß meistens sehr genau, an welcher Ecke es eng wird. So präzise steht das in keiner Verkehrszählung.
Technisch beruht diese Seitenfolge auf einer Funktion unseres Consul-Forks, die eine Frage für jede zuvor gewählte Antwort wiederholt. Für die Teilnehmenden sieht es einfach so aus, als hätte die Umfrage mitgedacht. Wer drei Maßnahmen wählt, beantwortet drei Seiten, wer eine wählt, nur eine.
Was die Trennung leistet
Was Bottrop aus den Antworten macht, steht noch aus. Fertig werden soll der Mobilitätsplan bis Mitte 2027.
Ob drei Favoriten je Dimension die richtige Zahl waren, lässt sich vorher kaum sauber begründen. Vier hätten feinere Unterschiede gezeigt, zwei hätten die Entscheidung zugespitzt. So genau wird man das erst mit den Ergebnissen beurteilen können.
Übertragbar ist vor allem die Trennung selbst. Die Frage, was wichtig ist, und die Frage, wie und wo etwas umgesetzt werden soll, verlangen unterschiedlich viel von den Leuten. Wer beides in eine einzige Umfrage packt, zwingt alle in die ausführliche Variante. Bottrop hat für den Überblick zehn Minuten veranschlagt und die Tiefe denen überlassen, die sie geben wollen.
Eine Liste mit 89 Maßnahmen ist für eine Bürgerbeteiligung nicht zu lang. Sie ist nur zu lang für einen einzigen Schritt.



