
Die meisten Beteiligungsverfahren fragen einmal. Die Stadt München hat in Allach-Untermenzing zweimal gefragt, und der zweite Durchgang ist der bemerkenswertere.
Der Stadtbezirk im Nordwesten hat gut 33.000 Einwohner und wäre als eigene Stadt eine mittelgroße Kommune. Das Mobilitätsreferat der Landeshauptstadt hat dort zwischen Dezember 2024 und Mai 2026 ein Nahmobilitätskonzept erarbeitet, das alle Verkehrsarten berücksichtigt, jedoch besonderen Fokus auf den Fuß- und Radverkehr und die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) legt. Im Mai 2026 wurde der Entwurf der Öffentlichkeit präsentiert. Im Herbst geht es zur Beschlussfassung in den Stadtrat.
Dass ein Beteiligungsverfahren so endet, ist keine Selbstverständlichkeit.
Erst 276 Hinweise, dann eine echte Auswahl
Vom 12. Mai bis zum 15. Juni 2025 lief die Bestandsaufnahme auf der städtischen Beteiligungsplattform unser.muenchen.de. 276 Beiträge kamen zusammen, die üblichen Themen des Alltags: Kreuzungen, an denen man sich auf dem Rad nicht wohlfühlt, fehlende Abstellplätze, Bordsteine, Haltestellen. Für einen einzelnen Stadtbezirk und vier Wochen Laufzeit ist das eine gute Ausbeute.
Dann kam der Schritt, der in vielen Verfahren fehlt. Das Mobilitätsreferat hat die Hinweise aus der Bevölkerung gemeinsam mit externen Fachplanern ausgewertet und daraus konkrete Maßnahmenvorschläge entwickelt.
Und ist damit zurückgekommen.
Vom 6. Oktober bis zum 2. November 2025 fand auf derselben Plattform eine Abstimmung statt, und zwar nicht über die Ideen, sondern über die Priorisierung der daraus abgeleiteten Maßnahmen. Mehr und bessere Fahrradabstellplätze. Klar definierte Flächen für Elektro-Tretroller, damit sie nicht quer über dem Gehweg liegen. Angepasste Bushaltestellen. Umbauten an Kreuzungen, bei denen die Verkehrssicherheit das eigentliche Problem ist.
Wer im Mai einen Hinweis abgegeben hatte, konnte im Oktober nachsehen, was daraus geworden war.
Die zweite Runde ist die eigentliche Leistung
Funktional sind die beiden Phasen sehr verschiedene Dinge. Eine Sammelphase ist ergebnisoffen, jeder Beitrag steht für sich, und die Bewertung liegt hinterher komplett bei der Verwaltung. Eine Abstimmungsphase dreht das Verhältnis um. Die Optionen stehen vorher fest, dafür liefert die Beteiligung eine Rangfolge, mit der sich weiterarbeiten lässt.
Wer beides hintereinander schalten will, muss die zweite Beteiligungsphase schon planen, wenn die erste startet. Daran scheitert es oft, und zwar nicht aus Unwillen. Zwischen 276 unsortierten Hinweisen und einer abstimmbaren Maßnahmenliste liegt fachliche Arbeit, die niemand nebenbei erledigt. Wer im Referat neben dem Tagesgeschäft auch noch ein Beteiligungsverfahren stemmt, hat unser volles Verständnis. Dass diese Arbeit hier gemacht wurde, ist der Grund, warum das Verfahren aufgeht.
Der vhw beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wann Beteiligung Vertrauen aufbaut und wann sie es beschädigt, und die Antwort hängt erfahrungsgemäß weniger am Verfahren als daran, was danach kommt. Eine zweite Runde ist die praktischste Antwort darauf, die wir kennen. Sie ist nämlich mehr als eine weitere Gelegenheit zum Mitmachen. Sie ist ein Zwischenbericht, für den die Verwaltung belegen muss, was sie aus den Eingaben gemacht hat.
Warum die Anmeldepflicht hier passt
Beide Phasen setzten eine Registrierung auf unser.muenchen.de voraus. Denn die Beteiligung richtete sich spezifisch an Bewohner, Schüler, Besucher und Pendler von Allach-Untermenzing. Gastnutzer konnten die Beiträge lesen, aber nichts einreichen und nichts bewerten.
Das ist eine Abwägung, und sie fällt je nach Ziel anders aus. Wer maximale Reichweite will, lässt Gäste herein und nimmt in Kauf, dass gegebenenfalls nicht betroffene Personen teilnehmen. Wer sicherstellen will, dass nur Anwohner teilnehmen, arbeitet mit Registrierungen.
In Consul lässt sich der Zugang pro Phase getrennt einstellen, beispielsweise vorne offen sammeln, hinten verifiziert abstimmen. Die Entscheidung ersparen kann die Software damit trotzdem nicht. Eine Konfiguration, die niedrige Hürde und hohe Nachweisbarkeit gleichzeitig liefert, gibt es nicht.
Im Herbst entscheidet der Stadtrat
Das Verfahren endete nicht mit einem stillen Upload. Am 20. Mai 2026 wurden die Ergebnisse in der Aula eines Gymnasiums vorgestellt, abends von halb sieben bis acht Uhr. Alle Interessierten konnten sich das Ergebnis erklären lassen und nachfragen. Das ist der Schritt, den Verfahren am häufigsten weglassen, weil er Räume, Termine, Personal und einen fertigen Foliensatz kostet.
Im Herbst 2026 geht das Konzept dem Stadtrat zur Beschlussfassung zu. Danach werden die Bausteine „entsprechend der Priorisierung der Maßnahmen und der finanziellen Möglichkeiten“ schrittweise umgesetzt.
Der Halbsatz zur Priorisierung ist wichtiger, als er klingt. Kommunale Haushalte sind, was sie sind, und eine Maßnahme, die es in ein beschlossenes Konzept geschafft hat, steht deutlich besser da als eine, die nur in einem Beteiligungsprotokoll auftaucht. Genau das hat die zweite Runde geleistet. Sie hat aus Hinweisen eine bewertete Reihenfolge gemacht, die jetzt Teil einer Stadtratsvorlage ist.
Und weil diese Bewertung öffentlich dokumentiert ist, lässt sich zu einem späteren Zeitpunkt nachprüfen, was davon umgesetzt wurde. Das ist keine Garantie. Es ist jedoch die Voraussetzung dafür, dass überhaupt jemand nachfragen kann.
Allach-Untermenzing ist übrigens einer der Bezirke, in denen München nicht ganz wie München aussieht. Zwischen den Siedlungen liegen Felder, es ist nach wie vor eher dörflich geprägt. Das merkt man auch an den Themen der Einreichungen und Handlungsvorschläge: Es geht um den Weg zur Haltestelle und um Kreuzungen, nicht um Fußgängerzonen.
Was dieses Verfahren von vielen anderen unterscheidet, ist keine Technik und kein besonderes Beteiligungsformat. Es ist die Entscheidung, ein zweites Mal vor die Leute zu treten, bevor das Nahmobilitätskonzept erstellt wird.



