Erzählen statt tippen: Siegburg nimmt Ideen fürs Bürgerbudget per Sprachassistent auf
In Siegburg kann man eine Idee für die Stadt inzwischen erzählen, statt sie aufzuschreiben. Auf mitmachen.siegburg.de steht dafür ein KI-Sprachassistent bereit. Ein Klick aufs Mikrofon, ein kurzes Gespräch, und am Ende liegt ein fertiger Vorschlag im Formular, den man nur noch prüfen und abschicken muss.
Wie das aussieht, hat die Stadt selbst gezeigt. Rebecca Palm von der Stadt Siegburg hat ein kurzes Video aufgenommen, in dem jemand dem Assistenten eine Idee fürs Bürgerbudget erzählt.
Eine Stadt, die das Mitmachen gewohnt ist
Siegburg betreibt seine Beteiligungsplattform seit 2022, und das Bürgerbudget ist dort längst Routine. Im Jahrgang 2023 wurden laut den Projektseiten der Stadt 31 Projekte eingereicht, im Jahrgang 2024 waren es 44, im Jahrgang 2025 dann 35 Projekte. Für die Runde 2026, die im Januar abgeschlossen wurde, zählt die Projektseite 41 Vorschläge. Daneben laufen auf derselben Plattform Verkehrskonzepte für einzelne Straßen, der Ehrenamtspreis und die Beteiligung zur Klimaanpassung.
Die Regeln sind klar und bürgernah. Die Stadt stellt 50.000 Euro bereit, mitmachen darf, wer in Siegburg wohnt und mindestens 14 Jahre alt ist, dazu Vereine und Initiativen aus der Stadt. Die Verwaltung prüft jeden Vorschlag auf Zuständigkeit, Kosten und Machbarkeit, der Finanzausschuss entscheidet, was zur Abstimmung kommt. Abgestimmt wird nicht per Liste. Alle verteilen ein virtuelles Budget von 50.000 Euro auf ihre Favoriten, höchstens 10.000 Euro pro Vorschlag. Und wer möchte, setzt das eigene Projekt nach der Abstimmung selbst um.
Für eine Stadt mit gut 42.000 Einwohnenden ist das eine ordentliche Beteiligung. Gerade deshalb ist der nächste Schritt interessant. Siegburg muss niemanden mehr davon überzeugen, dass Mitmachen sich lohnt. Die Stadt arbeitet an der Frage, wer bisher trotzdem fehlt. Schon heute nimmt sie Ideen auch per Post oder über den Rathaus-Briefkasten an und stellt sie online zur Diskussion. Der Sprachassistent ist die digitale Fortsetzung dieses Gedankens.
Wer bisher gefehlt hat
Ein Bürgerbudget wird fast überall als Schreibaufgabe gestellt. Wer mitmachen will, braucht einen Titel, einen Text, der überzeugt, eine geschätzte Summe und am besten noch ein Bild. Die Idee selbst ist selten das Problem. Erzählt ist sie in zwei Minuten. Aufgeschrieben wird sie manchmal nie.
Die LEO-Studie der Universität Hamburg kam 2018 auf 6,2 Millionen deutschsprechende Erwachsene, die nur eingeschränkt lesen und schreiben können. Dazu kommen alle, die sehr wohl schreiben können, es aber ungern tun, wenn das Ergebnis öffentlich im Netz steht. In jeder Bürgerversammlung sitzen ein paar davon, und nach unserer Erfahrung haben sie nicht die schlechtesten Ideen.
Ein Gespräch statt eines Formulars
Im Video geht es um ein interkulturelles Fest in Siegburg. Das Beispiel ist gut gewählt, denn Bürgermeister Stefan Rosemann nennt im Grußwort zum Bürgerbudget selbst ein Nachbarschaftsfest, bei dem sich neu Zugezogene kennenlernen, als typische Idee. Über dem Formular steht ein lila Kasten: „NEU: Du sprichst, die KI schreibt". Das Gespräch läuft auf Englisch, weil gleich zu Beginn darum gebeten wird. Der Assistent fragt der Reihe nach, was die Idee ist, wem sie nützt, was sie kosten darf und wer bei der Umsetzung hilft. Bei den Kosten nennt er auf Nachfrage die Obergrenze von 10.000 Euro und prüft, ob der Vorschlag zu den Regeln des Bürgerbudgets passt.
Beim Abspielen werden Daten an YouTube (Google) übertragen.
Am Ende erzeugt er ein Titelbild. Das sieht zuerst eher nach Strandparty aus, ein Satz genügt, und es zeigt eine Bühne mit Tanzgruppe und Essensständen. Auch der Text ist im ersten Anlauf zu lang, und auch das erledigt eine kurze Bitte.
Wer das Video ansieht, merkt schnell, worum es eigentlich geht. Niemand muss wissen, was eine „preisliche Einschätzung" ist oder wie lang eine Beschreibung sein sollte. Das Gespräch fragt ab, was die Stadt für die Prüfung braucht, und zwar in der Reihenfolge, in der man ohnehin von einer Idee erzählt.
Die Fragen sind dabei keine allgemeinen, sondern Siegburgs eigene. Die 10.000 Euro sind die Grenze, die auch in der Abstimmung gilt. Und die Frage, wer bei der Umsetzung hilft, passt zu einer Stadt, in der Gewinnerprojekte ausdrücklich in Eigenregie umgesetzt werden dürfen. Im Video sagt die erzählende Person, sie würde das Fest gern mitorganisieren, und genau das steht danach im Vorschlag.
Die Entscheidung bleibt bei den Menschen
Eingereicht wird dabei nichts. Der Entwurf bleibt bearbeitbar, bis die Person selbst auf Absenden klickt. Vor dem Gespräch steht ein Hinweis, dass am anderen Ende kein Mensch sitzt, und das erzeugte Bild wird als KI-generiert gekennzeichnet. Ein erzählter Vorschlag landet in derselben Liste wie alle anderen und durchläuft dieselbe Prüfung durch die Stadt.
Der Sprachassistent gehört zu unserem Consul-Fork, auf dem auch Siegburgs Plattform läuft. Andere Kommunen können ihn dort ebenso als App-Erweiterung einschalten.
Ob dadurch in Siegburg künftig mehr Vorschläge eingehen oder andere Menschen mitmachen, wissen wir ehrlich gesagt noch nicht. Belastbar wird das erst, wenn ein ganzes Bürgerbudget damit gelaufen ist. Dass eine Stadt mit eingespielter Beteiligung trotzdem an der Schwelle zum Formular arbeitet, finden wir den eigentlich bemerkenswerten Teil.
Siegburg hat übrigens noch ein zweites Video gedreht, diesmal aus der Verwaltung. Darin entsteht aus einer Projektskizze mit dem KI-Projektimport eine komplette Projektseite. Dazu folgt ein eigener Beitrag.
Ein Bürgerbudget, das man erzählen kann, fragt nicht mehr zuerst, wer gut schreibt.



