
Auf dem Platz, der umgebaut werden soll, sind den ganzen Tag Menschen. Sie warten auf den Bus, kaufen ein, holen Kinder ab. Abends wird fast niemand von ihnen die Verfahrensseite aufrufen.
Wer sich dort anmeldet, einen Vorschlag schreibt und in der Kommentarspalte antwortet, bringt Zeit mit, Sprachvermögen und ein Interesse, das über den eigenen Weg zur Arbeit hinausreicht. Das ist eine wertvolle Gruppe. Sie ist nur nicht die Stadt.
Die Lücke ist gut vermessen
Der Sozialbericht 2024 der Bundeszentrale für politische Bildung weist über alle Beteiligungsformen hinweg systematische Unterschiede nach Bildungsabschluss aus. Bei Unterschriftensammlungen lag die Beteiligungsquote unter Menschen mit Hochschulabschluss 2020 um 17 Prozentpunkte höher, bei der Arbeit in Vereinen um 10, beim direkten Kontakt zu Politikerinnen und Politikern um 9. Bernhard Weßels, der das Kapitel verantwortet, nennt das sozial induzierte politische Ungleichheit.
Dazu kommt die digitale Hürde, und die ist größer, als es in einer Verwaltung mit gutem WLAN aussieht. Die Initiative D21 zählt im Digital-Index 2024/25 4,2 Millionen Menschen in Deutschland, die gar nicht online sind. Der Grund verschiebt sich dabei: Desinteresse geht deutlich zurück, die empfundene Komplexität digitaler Anwendungen nimmt zu. Es sind also nicht die Unwilligen, die fehlen, sondern die, denen der Weg zu umständlich ist.
Für ein Beteiligungsverfahren heißt das zweierlei. Es fehlen die, die nicht online sind. Und es fehlen die, die zwar online sind, aber kein Konto anlegen, kein Formular ausfüllen und keine Kommentarspalte betreten werden, weil sie damit keine Routine haben.
Diese Lücke schließt keine Plattform, auch unsere nicht
Wir bauen seit fünf Jahren Beteiligungsplattformen für Kommunen, und wir wissen deshalb ziemlich genau, wo sie aufhören. Eine Plattform kann barrierefrei sein, in einfacher Sprache stehen und ohne Anmeldung abstimmen lassen. Sie bleibt trotzdem ein Ort, den jemand aktiv aufsuchen muss. Wer ohnehin nicht dorthin geht, wird auch von der besten Oberfläche nicht abgeholt.
Man kann diese Lücke mit Plakaten und QR-Codes zu überbrücken versuchen. Der QR-Code verlangt aber genau das, was die Hürde ausmacht: ein Smartphone in der Hand, eine Seite, die lädt, ein Formular, das man versteht. Am Ende steht wieder der digitale Weg, nur mit einem Umweg über Papier.
Ein Gerät, fünf Tasten, kein Konto
Wir haben deshalb ein Gerät gebaut, das den umgekehrten Weg geht. Die Mitmachbox ist eine batteriebetriebene Box mit E-Paper-Display und fünf Antworttasten, davor steht eine bedruckte Tafel im Format A2 mit der Frage. Lesen, drücken, weitergehen. Keine Anmeldung, keine App, kein QR-Code, den man erst scannen müsste. Wer mitmachen will, braucht nichts außer einem Finger.
Der Aufwand am Standort liegt bei null. Kein Stromanschluss, kein Kabel, keine Steckdose. Die Box bringt ihre eigene SIM mit und meldet sich einmal pro Nacht; im Verwaltungsnetz muss dafür nichts freigeschaltet werden. Wo es anders gewünscht ist, hängt sie sich ins WLAN oder in ein vorhandenes LoRaWAN ein. Der Ruhestrom liegt bei 15,6 Mikroampere, nachgemessen und nicht gerechnet, und daraus ergeben sich bis zu drei Monate Standzeit auf einer Akkuladung, je nach Zahl der verbauten Zellen. Den Akkutausch übernehmen wir, er gehört zur Miete.
Dass die Box gemietet und nicht gekauft wird, ist keine Preisentscheidung, sondern eine praktische. Eine Kommune braucht ein solches Gerät nicht dauerhaft, sondern während eines Verfahrens. Danach soll es weg sein und beim nächsten Thema wiederkommen, mit neuer Folie auf derselben Tafel statt mit einem neuen Plakat im Keller.
Der interessante Teil ist nicht die Summe
Am meisten lernt man nicht aus dem Gesamtergebnis, sondern aus dem Unterschied zwischen zwei Standorten.
In einem Verfahren können mehrere Boxen gleichzeitig stehen, und jede wird für sich ausgewertet. Eine direkt an der Straße, um die es geht, eine zweite am Marktplatz, eine dritte vor der Schule. Am Ende steht nicht eine Zahl, sondern drei, und die Differenz dazwischen ist die eigentliche Information. Wenn die direkten Anwohner eine Verkehrsberuhigung anders bewerten als die Passanten in der Fußgängerzone, dann ist genau das der Befund, um den in der Ratssitzung gestritten wird. Ein Gesamtergebnis hätte ihn verdeckt.
Diese Auswertung liegt online im Dashboard der Mitmachboxen. Eine eigene Beteiligungsplattform ist dafür keine Voraussetzung, das Dashboard gehört zum Gerät. Und wenn im Projekt gewünscht, lässt sich dieselbe Umfrage zusätzlich online freischalten, dann laufen der Weg über das Gerät und der Weg über das Netz in dieselbe Auswertung.
Drei Wege, sie zu betreiben
Wer noch keine Beteiligungsplattform hat, betreibt die Box eigenständig über ihr Dashboard. Das ist der einfachste Fall und braucht in der Verwaltung niemanden aus der IT.
Wer schon ein Portal betreibt, bindet die Ergebnisansicht als Iframe ein. Am bestehenden Portal ändert sich dabei nichts, es bleibt die Adresse, die die Bürgerschaft kennt.
Läuft das Portal auf Consul, geht es nativ als Projektphase. Dann liegen die Antworten von vor Ort und die aus dem Netz im selben Projekt, in derselben Auswertung und unter demselben Zeitstrahl wie die übrigen Phasen des Verfahrens.
Was das Gerät nicht kann
Fünf Tasten heißen fünf Antwortmöglichkeiten. Wer eine Begründung hören will, ein Argument, einen Gegenvorschlag, bekommt das hier nicht. Die Box beantwortet geschlossene Fragen, und sie beantwortet sie von Menschen, die zufällig vorbeikamen. Das ist keine repräsentative Befragung und wird auch nicht als eine ausgegeben.
Sie ersetzt das Online-Verfahren also nicht, sie ergänzt es an der Stelle, an der es systematisch blind ist. Was sie liefert, ist ein Signal aus einer Gruppe, die sonst in keinem Protokoll auftaucht, erhoben am Ort der Sache und nicht am Küchentisch. Zusammen mit einem Online-Verfahren, in dem ausführlich argumentiert wird, ergibt das ein vollständigeres Bild als jeder der beiden Wege für sich.
Keine Personendaten, und zwar wörtlich
Der Datenschutz ist bei einem Gerät im öffentlichen Raum die erste Frage, und sie ist hier schnell beantwortet. Es gibt keine Kamera, kein Mikrofon, keine Konten und keine Anmeldung. Eine Antwort besteht aus vier Angaben: welches Gerät, welche Fassung der Umfrage, wann, welche Tasten. Mehr wird nicht erhoben, weil mehr technisch nicht entsteht.
Das ist bequemer als jede Einwilligungslösung, und es ist der Grund, warum die Aufstellung keine langwierige Abstimmung mit dem Datenschutzbeauftragten braucht. Es ist nebenbei auch der Grund, warum niemand vor dem Drücken abwägen muss, was er gerade von sich preisgibt.
Wie es weitergeht
Die Mitmachbox hat seit Kurzem eine eigene Seite: mitmachboxen.de. Dort stehen das Gerät, die Tafel, die drei Betriebswege und das Mietmodell, und dort gibt es ein bedienbares Modell der Box zum Ausprobieren.
Jedes Gerät entsteht einzeln, deshalb bauen wir in kleinen Serien. Die erste ist vergeben und geht nach Augsburg, wo ab dem 1. Oktober zwei Boxen für den Bibliotheks-Entwicklungsplan stehen, nicht am Marktplatz, sondern in der Bibliothek selbst. Auch dort sind die Leute ohnehin, und auch dort fragt sie sonst niemand nach ihrer Meinung. Für die nächsten Termine führen wir eine Warteliste. Der Produktlaunch ist am 1. Oktober 2026.



