
Die OECD hat 50 KI-Anwendungen aus der Bürgerbeteiligung untersucht, verteilt über 22 Länder. 32 davon sind Pilotprojekte oder Einzelinitiativen.
Beides steht in derselben Studie, die KI als ernstzunehmenden Hebel für Beteiligung beschreibt. Beide Aussagen stimmen, und zusammen ergeben sie ein nüchterneres Bild als die meisten Texte, die derzeit zum Thema erscheinen.
„Artificial Intelligence and the Future of Citizen Participation“ ist in Zusammenarbeit mit der Bertelsmann Stiftung entstanden und wurde am 22. Juni 2026 vom OECD Public Governance Committee freigegeben. 78 Seiten, gut zwanzig davon Quellenverzeichnis. Das Herzstück ist eine Typologie mit neun Anwendungsarten, sortiert nicht nach Technik, sondern nach der Aufgabe, die die KI übernimmt.
Neun Kategorien, und was davon im Amt ankommt
Die neun reichen von Übersetzung und Transkription über die Auswertung großer Textmengen und virtuelle Assistenz bis zu Moderation, Prozessbegleitung, Simulation und der Gestaltung der digitalen Beteiligungsräume selbst. Am weitesten verbreitet sind in der Stichprobe drei davon, nämlich Auswertung, virtuelle Assistenz und automatische Übersetzung.
Der analytisch nützlichste Griff des Berichts ist ein anderer. Jede Kategorie wird zweimal betrachtet, einmal fürs Front Office (alles, was Bürgerinnen und Bürger sehen) und einmal fürs Back Office (der verwaltungsinterne Betrieb). Zwischen diesen beiden Hälften verortet die OECD eine der zentralen Schwächen von Beteiligungsverfahren. Passen Front und Back Office nicht zusammen, leidet die Wirkung des Verfahrens, unabhängig davon, wie gut die Plattform aussieht.
Wer schon erlebt hat, wie eine gut besuchte Online-Beteiligung an der Frage hängen bleibt, wer die Ergebnisse eigentlich in die Beschlussvorlage schreibt, kennt das Problem auch ohne den Fachbegriff.
Die britische Rechnung
Am konkretesten wird der Bericht dort, wo Zahlen stehen. Die britische Regierung führt im Schnitt 600 öffentliche Konsultationen pro Jahr durch. Eine Konsultation mit 30.000 Rückmeldungen bindet dort ein Team von 25 Analystinnen und Analysten über drei Monate.
Der KI-Inkubator der Regierung hat dafür das quelloffene Werkzeug Consult gebaut, das Themen und Muster automatisch aus den Antworten zieht. 2025 lief ein Test an einer schottischen Konsultation zu nichtchirurgischen kosmetischen Eingriffen. Das Werkzeug fand Themen zuverlässig, beschleunigte die Durchsicht und half dabei, die Voreingenommenheit der Prüfenden zu verringern. Bei flächendeckendem Einsatz wird die Ersparnis auf 20 Millionen Pfund und 75.000 Arbeitsstunden pro Jahr veranschlagt.
Interessanter als diese Zahl ist die Einschränkung, die im selben Absatz steht. Consult tat sich schwer damit, fehlende Themen zu erkennen, also das, was niemand geschrieben hat. Und die Analystinnen und Analysten wollten an bestimmten Schritten mehr eigene Kontrolle, nicht weniger.
Das ist der ehrlichste Satz des ganzen Kapitels.
Der Teil, den die deutsche Debatte gern überspringt
Ein Drittel des Berichts befasst sich mit Risiken, und die Sortierung lohnt sich. Neben den erwartbaren ethischen und operativen Risiken stehen dort Ausschlussrisiken (wer kein Gerät, keine stabile Verbindung oder keine digitale Routine hat, fällt weiter heraus) und öffentlicher Widerstand. Sprachmodelle arbeiten außerdem nicht in allen Sprachen gleich gut, was Beiträge sprachlicher Minderheiten schlechter behandelt als andere.
Dann folgt eine Kategorie, die in kommunalen Diskussionen praktisch nie vorkommt, nämlich das Risiko des Nichthandelns. Wer aus Sorge vor Fehlern gar nichts tut, verzichtet auf Reichweite, auf niedrigere Beteiligungshürden und mitunter auf Verfahren, die aus Ressourcenmangel sonst ganz ausfallen.
Für die Beschaffung wird der Bericht ungewöhnlich deutlich. Fehlende Kompetenz im Haus führt dazu, dass KI-Werkzeuge extern eingekauft werden, was Kosten treibt und Abhängigkeiten schafft. Die Empfehlungstabelle nennt als Gegenmittel Interoperabilität, Ausstiegsmöglichkeiten und Datenhoheit.
Beim Thema Open Source liefert der Bericht dann prompt die Komplikation mit. Laut dem Plattform-Ranking von People Powered aus dem Jahr 2025 sind alle zehn bestbewerteten Beteiligungsplattformen quelloffen. Auf KI-Systeme lässt sich dieses Prinzip aber nur bedingt übertragen, weil dort mehrere Schichten übereinanderliegen, vom Quellcode über die Dokumentation bis zu Trainingsdaten und Modellgewichten. Das Etikett „Open-Source-KI“ kann deshalb in die Irre führen. Ein seltener Fall, in dem eine Studie das eigene Lieblingsargument gleich mit einschränkt.
Wo Deutschland vorkommt
Vier deutsche Einträge finden sich im Bericht. Das Forum gegen Fakes, 2024 von der Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit dem Bundesinnenministerium umgesetzt, mit 120 zufällig ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern. Der baden-württembergische Bürgerrat „KI und Freiheit“, dessen neun Empfehlungen im März 2025 an Wissenschaftsministerin Petra Olschowski übergeben wurden. Das Startup DeliberAIde, das beim Europäischen Ausschuss der Regionen zur Unterstützung von Moderation getestet wurde.
Und demokratie.today, im Abschnitt zur virtuellen Assistenz. Der Satz dort lautet:
„German startup demokratie.today created an AI-powered virtual assistant allowing administrator of digital participation platforms based on the open-source software Consul to easily set up digital online participatory processes.“
Gemeint ist das Werkzeug, mit dem Verwaltungen ein Beteiligungsverfahren aufsetzen, statt es von Hand in Formulare zu übertragen. Die beiden anderen Beispiele im selben Abschnitt, Bogotás Chatbot „Chatico“ und „Clara“ auf Decide Madrid, richten sich an Bürgerinnen und Bürger. Ein Eintrag in einem OECD-Bericht belegt, dass etwas existiert. Über die Zahl der Verwaltungen, die es täglich benutzen, sagt er nichts.
Zu Consul selbst hält der Bericht zwei Dinge fest. Ein Experiment auf Decide Madrid reduzierte 2021 die Informationsflut für Teilnehmende, brauchte bei der Zusammenfassung von Kommentaren aber deutliche Nachjustierung. Und das Projekt, Consul um einen quelloffenen Civic Assistant zu erweitern, läuft seit Anfang 2025 und steht laut OECD weiterhin im Forschungsstadium.
Die Gegenprobe im Maßstab 1:1
Vor vielen deutschen Rathäusern stehen ein paar Fahnenmasten, an einem davon die Europafahne. Von dort bis zu einer Typologie mit neun Anwendungsarten ist es weiter, als die Entfernung nach Paris vermuten lässt.
In Röthenbach an der Pegnitz läuft das Bürgerbudget 2026. 60.000 Euro im Jahr, höchstens 9.000 Euro je Vorschlag, Ende August standen 45 Vorschläge auf der Plattform. Ein Spielplatz, eine öffentliche Toilette, eine Tischtennisplatte mit Torwand.
Keine der neun Kategorien hilft hier weiter. 45 Vorschläge liest man an einem Nachmittag, und zwar besser selbst, weil man dabei nebenbei erfährt, worüber in der Stadt gerade gesprochen wird. Automatische Übersetzung, Simulation und maschinelle Moderation lösen Probleme, die eine Kommune dieser Größe schlicht nicht hat.
Der Bericht sagt das an zwei Stellen selbst. Die Ergebnisse seien nicht auf die Gesamtheit der KI-Nutzung übertragbar, und Technik allein löse die Probleme der Beteiligung ohnehin nicht.
Nach 78 Seiten bleibt vor allem eine Erkenntnis, die man in einer OECD-Publikation nicht unbedingt erwartet. Die Typologie ist gerade für kleine Verwaltungen nützlich, weil sie zeigt, welche der neun Kategorien man getrost ignorieren kann.



