Die digitale Teilhabe älterer Menschen endet nicht am Alter, sondern am Berufsleben davor

Drei unserer Instanzen haben in diesem Sommer eine Karte für kühle Orte online gestellt. Regensburg hat Ende Mai begonnen, Kempten hat Mitte August geschlossen, Augsburg ist seit Anfang Juni dabei.

Über die digitale Teilhabe älterer Menschen wird viel geschrieben, meist mit dem beruhigenden Unterton, das erledige sich mit der nächsten Kohorte von selbst. An einer Hitzekarte lässt sich nachrechnen, was dieser Unterton kostet.

Die Hälfte aller hitzebedingten Sterbefälle dieses Sommers entfiel auf Menschen ab 85 Jahren. 7.040 von geschätzt 14.000, so steht es im Wochenbericht des Robert Koch-Instituts für die Kalenderwochen 15 bis 32. Die Sterberate liegt in dieser Gruppe bei 217 je 100.000 Einwohnern, bei den 75- bis 84-Jährigen bei 56. Es sind also nicht „die Älteren“ allgemein. Es sind die Hochaltrigen. Und das ist genau die Gruppe, bei der die Wahrscheinlichkeit am geringsten ist, dass sie selbst etwas in eine Karte einträgt.

Nicht das Alter entscheidet, sondern das Berufsleben davor

Zwischen 79 und 84 Jahren hatten 66 Prozent der Menschen mit hohem Bildungsabschluss einen Internetzugang. Bei den Gleichaltrigen mit niedrigem oder mittlerem Abschluss war es nicht einmal ein Drittel. Nachzulesen im Achten Altersbericht der Bundesregierung, der die Zahlen dem Deutschen Alterssurvey entnimmt. Vor dem Ruhestand fallen solche Bildungsunterschiede beim Internetzugang kaum ins Gewicht. Ab etwa 67 Jahren klaffen sie auf.

Damit ist „die Generation über 80″ als Zielgruppe eigentlich schon erledigt, weil es sie nicht gibt. Es gibt eine Hälfte, die online ist, und eine, die es nie war, und die Trennlinie folgt der Erwerbsbiografie: Wer im Beruf mit Rechnern zu tun hatte, hat heute einen Anschluss. Deliberative Formate umgehen das über Zufallsauswahl, brauchen dafür aber ganz andere Werkzeuge als eine offene Karte.

Eine zweite Zahl aus demselben Bericht ist unangenehmer. Von den über 80-Jährigen, die das Internet nutzten, waren nur knapp 40 Prozent Frauen, obwohl Frauen in dieser Altersgruppe zwei Drittel der Bevölkerung stellen. Beim RKI stehen für die Gruppe ab 85 dagegen 4.180 hitzebedingte Sterbefälle bei Frauen gegen 2.860 bei Männern. Je 100.000 gerechnet liegen die Männer sogar höher, weil es in diesem Alter deutlich weniger von ihnen gibt. In absoluten Zahlen tragen die Frauen die Last, und sie sind zugleich der Teil, der online am schwächsten vertreten ist.

Die Zugangszahlen stammen aus Erhebungen von 2017 und 2018, sind also alt. Die absoluten Werte liegen heute höher. Aufgelöst hat sich das Muster nicht.

Was die Plattform darüber sagen kann

Nachrechnen ist besser als vermuten, und dafür braucht es keine Sonderauswertung. Die Statistik in unserem Consul-Fork schlüsselt Teilnehmende in Fünfjahresschritten auf und hört nicht bei „65 plus“ auf: 80 bis 84, 85 bis 89, darüber eine offene Klasse. Drei Klassen liegen oberhalb von 80. Eine Kommune sieht dadurch nicht nur „viele Ältere“, sondern ob die 87-Jährigen fehlen, während die 68-Jährigen reichlich vertreten sind. Das sind zwei völlig verschiedene Befunde, und sie verlangen unterschiedliche Maßnahmen.

Altersklassen lassen sich außerdem so anlegen, dass sie nur in der Auswertung erscheinen und die Teilnahme nicht einschränken. Messen ohne aussortieren ist häufiger die richtige Reihenfolge, als es in Ausschreibungen steht.

Bleibt der Haken, den wir lange kleingeredet haben. Gezählt wird nur, wer ein Geburtsdatum hinterlegt hat. Wer sich durch die Registrierung geklickt und das optionale Feld übersprungen hat, fehlt in der Alterskurve. Und die Wahrscheinlichkeit, ein optionales Feld zu überspringen, ist bei denen am höchsten, um die es hier geht. Jede Zahl über Hochaltrige in einem Beteiligungsverfahren ist deshalb eine Untergrenze und kein Messwert.

Augsburg füllt die Karte am Tisch

Bemerkenswert an Augsburg ist, was in den Projektdaten steht. Die einzige Beteiligungsphase des Projekts ist eine Veranstaltung, betitelt „Beteiligung zur Karte ‚Kühle Orte‘ am Hitzeaktionstag“. Kein Formular, das abends um elf ausgefüllt wird. Ein Termin, an dem Leute vorbeikommen und sagen, wo es kühl ist.

Das ist kein Rückschritt hinter die Digitalisierung, sondern die Bauform, die diese Gruppe zuverlässig erreicht. Kempten hat es anders gelöst und zwei Varianten derselben Karte nebeneinander angeboten, eine einfache und eine mit Kommentarfunktion, dazu ein Gewinnspiel, das den Rücklauf vermutlich stärker beeinflusst hat als alles, worüber in Gestaltungsworkshops gestritten wird. Regensburg wiederum hat die Karte nicht leer starten lassen, sondern die bereits bekannten Schattenplätze vorab eingetragen, sodass niemand vor einem weißen Stadtplan sitzt. Drei Städte, drei verschiedene Zuschnitte desselben Formats. Falsch ist keiner davon. Was am Ende zählt, entscheidet sich ohnehin erst danach, wie zuletzt an den zwei fertig gebauten Pocket Parks in Bochum zu sehen war.

Der Eintrag, den jemand anders macht

Damit eine Veranstaltung mehr ergibt als einen Zettelstapel, muss das Verfahren Beiträge aufnehmen können, die nicht die Person selbst eingibt. Das Feld dafür heißt „Im Auftrag von“. Ein Sachbearbeiter erfasst den Beitrag und trägt den Namen der Bürgerin ein, der danach öffentlich auf der Detailseite steht. Kommt eine E-Mail-Adresse dazu, entsteht daraus ein Konto mit Double-Opt-in, und der Beitrag gehört ihr. Bleibt das Feld leer, bleibt der Beitrag dem Sachbearbeiter zugeordnet.

Der Unterschied klingt nach Buchhaltung. Er entscheidet darüber, ob eine 86-Jährige später als Teilnehmerin in der Statistik steht oder als Vorgang eines Amtes.

Wer danach auch abstimmen soll, braucht eine Verifizierung, die ohne Smartphone funktioniert. Dafür gibt es den Weg per Brief mit einem Code auf Papier. Das ist langsam und kostet Porto. Es ist der einzige Weg, der ohne fremdes Gerät auskommt.

Eine schattige Parkbank an einem der Augsburger Lechkanäle wird nicht dadurch zu einem kühlen Ort, dass jemand sie kennt. Sie wird es, wenn jemand sie einträgt. Für die Menschen mit dem höchsten Hitzerisiko heißt das zweierlei. Eine Verwaltung muss den Umweg mitgehen, und eine Plattform muss ihn festhalten, statt ihn zu verwischen.