
Am 31. März 2026 hat Go Vocal aus Brüssel den Pariser Dienstleister Open Source Politics vollständig übernommen. Kaufpreis nicht veröffentlicht. Open Source Politics war zehn Jahre lang der wichtigste Decidim-Integrator Frankreichs, rund 200 Kunden. Go Vocal nennt die eigene Software ausdrücklich nicht Open Source, sondern „source-available“.
Im GovTech-Markt ist damit etwas passiert, das Deutschland noch vor sich hat. Die Software ist weiter offen. Das Unternehmen, das sie in einem ganzen Land betrieben hat, ist es nicht mehr.
In der europäischen Open-Source-Szene hat das eine kleine Schockwelle ausgelöst. Eine scharf formulierte Pressemitteilung, kurz darauf eine öffentliche Gegenrede. Gut vier Monate später ist es ruhiger geworden. Ein guter Moment, sich den Vorgang ohne Aufregung anzusehen.
Die Pressemitteilung, die auf Diplomatie verzichtet
Eine Woche später, am 7. April, hat die Decidim Association geantwortet. Der Titel ihrer Mitteilung lässt keinen Interpretationsspielraum. „Nos infrastructures démocratiques ne peuvent pas être propriétaires„, demokratische Infrastruktur darf nicht proprietär sein.
Das Argument dahinter ist scharf gebaut. Wer Beteiligungsinfrastruktur von offener auf geschlossene Software umstellt, tue politisch etwas Vergleichbares wie bei einer Privatisierung der Wahlorganisation. „L’argent public doit être investi dans du code public“, öffentliches Geld muss in öffentlichen Code fließen. Und wer sich für Go Vocal entscheide, begebe sich in Anbieterabhängigkeit.
Ein Detail darin hält der Prüfung allerdings nicht stand. Die Mitteilung nennt Go Vocal „logiciel propriétaire et fermé“, proprietäre und geschlossene Software, die man nicht auf eigenen Maschinen installieren könne. Auf der Lizenzseite von Go Vocal steht etwas anderes. Die Free Edition liegt unter AGPLv3 und ist self-hostbar, die Commercial Edition ist im Quellcode einsehbar, aber nur mit bezahlter Lizenz nutzbar. Das ist ein Open-Core-Modell, nicht dasselbe wie Decidim oder Consul, aber eben auch nicht geschlossen.
Solche Unschärfen sind teuer. Wer in einer Vergabediskussion mit einem falschen Detail argumentiert, verliert das richtige Argument gleich mit.
Von der Consul Democracy Foundation kam öffentlich nichts. Zwischen Februar und August 2026 findet sich in deren Newsroom kein Wort zur Übernahme. Ob das Gelassenheit ist oder Vorsicht, lässt sich von außen nicht beurteilen.
Warum die andere Seite auch recht hat
Open Source Politics hat begründet, warum verkauft wurde, und die Begründung ist unbequem. „L’alternative était l’épuisement de nos ressources, une attrition continue.“ Die Alternative war Erschöpfung der eigenen Ressourcen und fortlaufende Abwanderung. Ein eigenfinanziertes Team, dazu rückläufige Decidim-Nachfrage. Und die Software ließ sich nicht in dem Tempo weiterentwickeln, das die eigenen Kunden erwarteten.
Von hier aus lässt sich dieser Satz schlecht belächeln. Genau dieser Druck ist der Grund, warum es den Consul-Fork von demokratie.today überhaupt gibt. Das Upstream-Projekt bewegte sich nicht schnell genug für das, was deutsche Kommunen brauchten, also ist über fünf Jahre eine eigene Version entstanden. Der Unterschied zu Open Source Politics ist keine bessere Haltung. Es ist, dass die Rechnung bisher aufgeht.
Go Vocal ist auch nicht das Heuschrecken-Klischee, das die Geschichte einfacher machen würde. B Corp seit 2022, VC-finanziert in einer Höhe, die je nach Quelle zwischen vier und sieben Millionen Dollar liegt, was für einen Anbieter mit über 750 Verwaltungen in mehr als 20 Ländern eher bescheiden ist. CEO Wietse Van Ransbeeck begründet den Kauf mit einem Satz, dem schwer zu widersprechen ist. „Instead of each building the same thing separately, we decided to do it together.“
Open Source Politics wurde 2016 gegründet und hat bis kurz vor dem Verkauf noch an einer eigenen europäischen Open-Source-Initiative namens LaSuite.coop gearbeitet. Was daraus wird, steht in keiner der beiden Mitteilungen.
Die Lizenz garantiert keine Kontinuität
Für deutsche Kommunen liegt die Lehre nicht in der Lizenzfrage. Sie liegt eine Ebene darunter.
„Open Source“ als Kriterium in einer Ausschreibung sagt, unter welcher Lizenz der Code steht. Es sagt nichts darüber, ob es in fünf Jahren noch ein Unternehmen gibt, das diesen Code für eine Gemeinde mit 12.000 Menschen betreibt und beim nächsten BITV-Audit begleitet. Der Single Point of Failure ist selten die Software. Es ist der Dienstleister. Die Wahl zwischen Open Source und SaaS entscheidet darüber weniger als die Frage, wie stabil das Unternehmen dahinter steht.
Bad Homburg, Friedrichsdorf und Wehrheim teilen sich eine Plattform auf seid-dabei.de, drei Kommunen auf einer gemeinsamen Installation. Technisch eine saubere Lösung, wirtschaftlich für alle drei die einzige realistische. Organisatorisch bedeutet es auch, dass ein Ausfall des Betreibers drei Verwaltungen gleichzeitig trifft. Das ist kein Argument gegen das Modell. Es ist ein Argument für eine Frage, die in Ausschreibungen fast nie gestellt wird. Nicht „ist die Software offen“, sondern „was passiert mit unserer Plattform, wenn dieses Unternehmen im nächsten Jahr verkauft wird“.
Immerhin hat Open Source Politics den Bestandskunden Datenportabilität zum Vertragsende zugesichert. Genau dieser Satz gehört vorher in den Vertrag und nicht hinterher in eine Pressemitteilung.
Consul hilft an diesem Punkt nur begrenzt weiter. Die Foundation ist klein, und das Ökosystem hängt in jedem Land an einer Handvoll Dienstleistern. Die offene Lizenz ändert daran nichts. Open Source kauft die Möglichkeit zu wechseln. Ob es jemanden gibt, zu dem gewechselt werden kann, ist eine andere Frage.
Was mit Abstand übrig bleibt
Ehrlichkeitshalber gehört in einen solchen Text, dass demokratie.today selbst Consul-Dienstleister und damit Wettbewerber von Go Vocal ist. Neutral heißt hier nicht unbeteiligt. Es heißt, mit etwas Abstand hinzusehen, statt in der ersten Woche mitzuschreien.
Und mit Abstand sieht der Vorgang weniger nach Verrat aus und mehr nach einer Rechnung, die nicht aufgegangen ist. Ein kleines Team sollte eine Software mitentwickeln und sie gleichzeitig in einem ganzen Land betreiben. Das ist keine Frage von Haltung, sondern von Kapazität. Wer die Konsolidierung im GovTech-Markt aufhalten will, muss beantworten, wie solche Teams tragfähig finanziert werden. Die Decidim Association beantwortet das in ihrer Mitteilung nicht.
Der ehrlichste Satz im ganzen Vorgang ist keine Verteidigung, sondern ein Eingeständnis. Ein kleines Team konnte beides nicht parallel stemmen.
Welche Frage zur Anbieterkontinuität stand in Ihrer letzten Ausschreibung für eine Beteiligungsplattform, und welche hätte hineingehört?



