
Im März 2026 ist im Hochtaunuskreis eine gemeinsame Plattform live gegangen, die drei Kommunen teilen. Im Juni 2023 haben Hamburg, München, Leipzig und Bremen für DIPAS eine Anwendergemeinschaft gegründet. In der Provinz Barcelona nutzen Dutzende Gemeinden seit Jahren eine gemeinsame Decidim-Instanz.
Das Muster hat einen Namen: Multi-Tenancy. Auf Deutsch: Mandantenfähigkeit.
Und es ist die wahrscheinlich am stärksten unterschätzte Architekturentscheidung hinter einer kommunalen Beteiligungsplattform – weil sie darüber entscheidet, welche Kommunen sich digitale Beteiligung überhaupt leisten können.
Was Mandantenfähigkeit technisch bedeutet
Eine mandantenfähige Plattform betreibt mehrere Organisationen auf derselben Software und einer gemeinsamen Datenbank, deren Struktur alle Kommunen teilen. Die Kommunen erscheinen unter einer Domain mit jeweils eigenem Bereich – beispielsweise /badhomburg, /friedrichsdorf, /wehrheim – und haben darin eigene Verwaltung, eigenes Design, eigene Nutzerkonten. Die Kommunen sehen einander nicht, ihre Bürgerinnen und Bürger sehen einander nicht, ihre Projekte laufen getrennt. Geteilt wird ausschließlich das, was geteilt werden soll: Infrastruktur, Sicherheitsupdates, Wartung.
Das klingt nüchtern, ist aber politisch aufgeladen. Denn die Frage, ob sich Kommunen auf eine gemeinsame Plattform einigen, ist immer auch eine Frage darüber, wie weit kommunale Eigenständigkeit trägt – und wo sie in Parallelstrukturen umkippt.
Drei Modelle, drei Philosophien
In Deutschland lassen sich drei Varianten unterscheiden, und jede beantwortet die Governance-Frage anders.
Das Peer-to-Peer-Modell zeigt sich im Hochtaunus. Bad Homburg, Friedrichsdorf und Wehrheim betreiben seit März 2026 die Plattform seid-dabei.de gemeinsam – rund 90.000 Einwohnerinnen und Einwohner, drei eigenständige Kommunen, keine Hierarchie. Unter einer Domain hat jede Kommune ihren eigenen Bereich: seid-dabei.de/badhomburg, seid-dabei.de/friedrichsdorf, seid-dabei.de/wehrheim. Das Fachmagazin Kommune21 fasst das Selbstverständnis der drei Verwaltungen so zusammen: „jede Kommune [verwaltet] zwar einen eigenen Bereich […], die technische Infrastruktur aber [teilt sie] mit den anderen.“ Der Betrieb wird geteilt, die kommunale Eigenständigkeit bleibt unangetastet. Gleiche Augenhöhe, gemeinsame Kosten, gemeinsame Weiterentwicklung.
Das hierarchisch-föderale Modell findet sich im Landkreis Kusel. Rund 70.000 Menschen leben dort, verteilt auf 98 Orte – mehr als die Hälfte mit weniger als 500 Einwohnern. Drei Verbandsgemeinden, viele Ortsgemeinden. Für jede einzelne eine eigene Beteiligungssoftware zu beschaffen, wäre absurd. Der Landkreis stellt stattdessen die Plattform mitmachen-landkreiskusel.de zur Verfügung, Verbandsgemeinden und Ortsgemeinden nutzen sie. Die Hierarchie der Gebietskörperschaften wird dabei technisch abgebildet. Dass das Prinzip im ländlichen Raum trägt, zeigt auch das BMEL-geförderte Modellvorhaben Smarte.Land.Regionen: Das Fraunhofer IESE hat 2024 dokumentiert, dass die Beteiligungssoftware Consul dort in sieben Landkreisen zum Einsatz kommt.
Das Multi-Amt-Modell zeigt die Stadt Bochum. Auf bochum-mitgestalten.de laufen Projekte aus unterschiedlichen Fachbereichen parallel – jedes mit eigenen Rollen, eigenen Workflows, eigener Verantwortlichkeit. Die jährliche BürgerKONFERENZ des Büros für Bürgerbeteiligung läuft neben der Umgestaltung von Grünflächen durch das Umwelt- und Grünflächenamt, läuft neben Bebauungsplanverfahren der Stadtplanung. Wäre jedes Amt mit einer eigenen Plattform unterwegs, hätten Bochumerinnen und Bochumer drei oder vier Logins. Mandantenfähigkeit löst das, ohne dass die Fachbereiche ihre fachliche Souveränität abgeben.
Drei Fälle – ein Prinzip.
Warum die Rechnung aufgeht
Eine belastbare bundesweite Zahl, die den ökonomischen Rahmen setzt, liefert die Vitako-Impact-Studie 2022, die das Institut der deutschen Wirtschaft im Auftrag des Verbands kommunaler IT-Dienstleister erstellt hat: Rund 5,1 Milliarden Euro sparen die kommunalen Rechenzentren jährlich gegenüber dezentralen Alternativen – und jeder Euro Wertschöpfung bei einem kommunalen IT-Dienstleister entlastet Gesellschaft und Verwaltung um weitere 3,29 Euro. Die Studie adressiert nicht Beteiligungssoftware im Speziellen, aber sie belegt die Grundlogik: Geteilte öffentliche IT-Infrastruktur rentiert sich. Eine Untersuchung des Fraunhofer IAO aus demselben Jahr formuliert es für interkommunale Zusammenarbeit nüchterner: „Die Mehrwerte überwiegen die Aufwände deutlich.“
Das Muster wiederholt sich auf Plattformebene. Fixkosten für Betrieb, Sicherheitsupdates, DSGVO-konformes Hosting, Barrierefreiheits-Anpassungen und Weiterentwicklung fallen einmal an – und verteilen sich auf mehrere Bürgerschaften statt auf eine. Eine Kommune mit 8.000 Einwohnern stemmt eine eigene Plattform kaum je wirtschaftlich sinnvoll. Zu dritt wird daraus eine realistische Option.
Was das Onlinezugangsgesetz verstanden – und was es ausgelassen hat
Das Onlinezugangsgesetz hat mit dem Prinzip „Einer für Alle“ (EfA) das Teilen technischer Lösungen zwischen Kommunen zum Standard erklärt. Statt 16 Landesvarianten und 400 kommunalen Einzellösungen pro Verwaltungsleistung entwickelt ein Konsortium einen zentralen Onlinedienst, den alle nachnutzen. Baugenehmigung, Elterngeld, Gewerbemeldung.
Informelle Bürgerbeteiligung – Vorschläge, Debatten, Bürgerhaushalte – ist davon nicht erfasst. Im Bereich der räumlichen Planung gibt es einen EfA-Zuschnitt entlang des BauGB, aber keine Lösung für die offene kommunale Dialogebene. Das Prinzip ist politisch verankert. Die Plattformen, die es auf die Dialogebene übertragen, bauen die Kommunen selbst.
Die Architektur entscheidet – und sie hat Varianten
Wer sich die bestehenden Plattformen anschaut, findet drei Architektur-Philosophien. Decidim arbeitet laut eigener Dokumentation „multi-tenant by default“ – die Provinzregierung Barcelona betreibt so eine gemeinsame Instanz für ihre Kleinstädte. DIPAS hingegen stellt den Code offen, jede Stadt betreibt typischerweise eine eigene Instanz; geteilt wird nicht die Laufzeitumgebung, sondern die Codebasis. Und dann gibt es den dritten Weg: eine gemeinsame Laufzeitumgebung mit getrennten Bereichen pro Organisation.
Unser Consul-Fork ist von Anfang an auf diese dritte Variante ausgelegt worden – nicht als nachträgliche Erweiterung, sondern als Ausgangspunkt. Eine Datenbank, deren Struktur alle Kommunen teilen; eine Domain, unter der jede Kommune ihren eigenen Bereich bekommt (wie bei seid-dabei.de mit /badhomburg, /friedrichsdorf, /wehrheim); eigene Rollen, eigenes Branding, eigene Nutzerverwaltung pro Bereich. Eine Kommune kann auf der gemeinsamen Plattform beitreten oder austreten, ohne dass andere Kommunen davon etwas merken. Was geteilt wird, sind Infrastruktur, Patches und Kosten. Was getrennt bleibt, sind Nutzerdaten, Projektlogik und die Art, wie jede Stadt ihre Beteiligung gestaltet.
Keine dieser Philosophien ist per se falsch. Aber die Wahl ist weniger technisch als politisch – und sie legt die Kostenstruktur für zehn Jahre fest.
Wo Mandantenfähigkeit ehrlich betrachtet an Grenzen stößt
Wer Kommunen dazu überreden will, eine Plattform zu teilen, verschweigt besser nicht, was das kostet. Koordinationsaufwand zwischen den Beteiligten ist real. Einigung auf gemeinsame Designelemente kann schwerfallen, wenn zwei Kommunen sehr unterschiedliche visuelle Identitäten pflegen. Release-Planung muss zwischen mehreren Stakeholdern abgestimmt werden. Und der Ausstieg aus einer gemeinsamen Plattform ist aufwändiger als der aus einem eigenen Vertrag.
Das sind keine Showstopper, aber es sind Bedingungen, die am Anfang verhandelt gehören. Peer-to-Peer-Setups wie im Hochtaunus leben davon, dass sich die beteiligten Verwaltungen auf gleicher Augenhöhe abstimmen – ein Privileg, das nicht jede Konstellation hergibt.
Die Frage, die Kommunen stellen sollten
Der erste Reflex in vielen Verwaltungen lautet: „Wir brauchen unsere eigene Plattform.“ Er ist verständlich, aber er stammt aus einer Zeit, in der Software teuer und jedes Rechenzentrum autark war. Heute ist die entscheidendere Frage eine andere: Mit wem zusammen betreiben wir diese Plattform – und wer übernimmt die Koordination?
Wer bei der Beantwortung zögert, unterschreibt eher früher als später für die teurere Variante.
Teilt Ihre Kommune digitale Beteiligungsinfrastruktur mit anderen – oder wäre das ein politisch und organisatorisch aussichtsreiches Gespräch?
