
Morgen, am 30. Juni 2026, läuft eine der größten planungspolitischen Fristen der jüngeren deutschen Stadtentwicklungsgeschichte ab. Alle Kommunen mit mehr als 100.000 Einwohnern müssen bis zu diesem Tag einen kommunalen Wärmeplan vorlegen – gesetzlich vorgeschrieben durch das Wärmeplanungsgesetz, das Ende 2023 in Kraft getreten ist. Für kleinere Städte und Gemeinden läuft die Frist bis Mitte 2028.
Was das Gesetz dabei offen lässt: Wer mitredet.
Das WPG schreibt formelle Beteiligungsmöglichkeiten vor – die Veröffentlichung des Planentwurfs, eine Frist für Stellungnahmen. Was es nicht verlangt, ist ein echter Dialog mit der Bevölkerung. Und genau das ist das Problem.
Was ein Wärmeplan für Bürgerinnen und Bürger bedeutet
Ein kommunaler Wärmeplan ist kein abstraktes Dokument. Er legt fest, wie ein Stadtgebiet in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren heizen wird. Welche Quartiere werden mit Fernwärme versorgt? Wo ist Nahwärme auf Quartiersebene realistisch? Welche Gebiete werden auf dezentrale Lösungen – Wärmepumpe, Pellets, Biogas – angewiesen sein?
Diese Entscheidungen haben direkte Konsequenzen für Eigenheimbesitzer, Hausverwaltungen, Mieter. Wer in einem Quartier wohnt, das als potenzielles Fernwärmegebiet ausgewiesen wird, trifft andere Investitionsentscheidungen als jemand, der das nicht weiß. Wer erfährt, dass die eigene Straße nie an ein Wärmenetz angeschlossen wird, kann früher planen – oder früher in Konflikt mit einer Entscheidung geraten, die er nicht versteht.
Planung ohne Rückkopplung produziert genau das: Entscheidungen, die dann auf Widerstand stoßen, wenn sie umgesetzt werden sollen.
Der Unterschied zwischen formeller und echter Beteiligung
Die formelle Beteiligung, wie das WPG sie vorsieht, richtet sich in der Praxis an Fachleute. Ein ausgehängter Planentwurf, 30 Tage Einspruchsfrist, ein Formular für Stellungnahmen – das ist kein niedrigschwelliges Angebot für eine Rentnerin in Augsburg, die wissen will, ob sie ihre Ölheizung noch braucht.
Eine Kurzstudie des BUND aus dem Jahr 2025 kommt zu einem ernüchternden Befund: Beteiligung in der kommunalen Wärmewende bleibt weit hinter ihrem Potenzial zurück. Dabei wäre gerade hier das Potenzial besonders hoch – weil die Wärmewende so direkt in den Alltag eingreift wie kaum eine andere Klimamaßnahme.
Aus der Praxis: Vier Städte, die es anders gemacht haben
Die Stadt Augsburg hat von April bis Mai 2026 auf ihrer Beteiligungsplattform einen anderen Weg gewählt. Zur Beteiligung an der kommunalen Wärmeplanung wurden interaktive Karten veröffentlicht – keine statischen PDFs, sondern eine digitale Karte, auf der Bürgerinnen und Bürger sehen konnten, welche Wärmeversorgungsoptionen für ihr Quartier realistisch sind: Luftwärme, Umweltwärme, Anschluss ans Netz. Parallel dazu gab es konkrete Fragen an die Bevölkerung: Welche Erfahrungen haben Sie mit Heizungsmodernisierungen gemacht? Welche Hürden begegnen Ihnen?
Das ist kein Luxus. Planungsbehörden arbeiten mit Aggregatdaten – Gebäudealter, Verbrauchsdaten, Netzinfrastruktur. Was sie nicht kennen, sind die Realitäten auf Haushaltsebene: unterbrochene Sanierungen, laufende Eigentumsstreitigkeiten, beabsichtigte Umbauten. Dieses Wissen steckt in der Bevölkerung. Beteiligung ist der Weg, es einzusammeln.
In Siegburg ist die kommunale Wärmeplanung als Phasenprojekt auf mitmachen.siegburg.de angelegt. Die Bevölkerung wird nicht erst dann informiert, wenn der Plan beschlossen ist, sondern in verschiedenen Stufen eingebunden – zu einem Zeitpunkt, an dem grundlegende Weichenstellungen noch verändert werden können. Das ist der Unterschied zwischen Partizipation und Bekanntmachung.
Jena und Trier haben ihre kommunale Wärmeplanung bereits 2025 abgeschlossen – jeweils mit einer öffentlichen Beteiligungsphase auf der jeweiligen Plattform. In Jena lief die Beteiligung von Februar bis Mai 2025, in Trier von März bis April. Dass mehrere Kommunen diesen Schritt gegangen sind, zeigt: Beteiligung bei der Wärmeplanung ist kein Sonderweg. Es ist eine Entscheidung, die man bewusst treffen muss – oder eben nicht.
Akzeptanz ist kein Nebenprodukt
Es gibt einen Grund, warum Bürgerinformation nach einer Entscheidung nicht das Gleiche ist wie Bürgerbeteiligung vor einer Entscheidung: Vertrauen lässt sich nicht im Nachhinein aufbauen.
Die Wärmewende wird nicht in Klimaschutzberichten umgesetzt. Sie wird in Heizungsräumen umgesetzt – von Menschen, die eigene finanzielle Interessen haben, die Angst vor falschen Entscheidungen haben, und die oft nicht verstehen, was auf sie zukommt. Kommunen, die diesen Menschen frühzeitig erklären, welche Optionen es gibt und welche Überlegungen hinter dem Wärmeplan stecken, investieren in eine Ressource, die sie bei der Umsetzung dringend brauchen werden: Glaubwürdigkeit.
Der Zeitpunkt ist jetzt
Stand Anfang 2026 haben knapp die Hälfte aller Großstädte die Wärmeplanung abgeschlossen. Bei Kommunen unter 100.000 Einwohnern sind es deutlich weniger – ein Fünftel der mittleren, eine von zehn kleinen Gemeinden. Für den Großteil läuft die Frist noch bis Mitte 2028.
Das bedeutet: Es ist noch Zeit. Nicht viel, aber genug, um Beteiligung zu planen, statt sie wegzulassen. Eine digitale Beteiligungsplattform, die für die Wärmeplanung aufgebaut wird, ist außerdem keine Einmalanlage. Sie steht danach für Mobilitätsplanung, Stadtentwicklung, Klimaanpassung – für alle Prozesse, bei denen Städte in den kommenden Jahren auf Akzeptanz angewiesen sein werden.
Kommunen, die das jetzt verstehen, bauen mehr als einen Wärmeplan. Sie bauen Vertrauen.


