
Bild: Landkreis Tirschenreuth / mitmachen-kreis-tir.de
Sechs Wochen nach dem Start der neuen Plattform für digitale Bürgerbeteiligung im Landkreis Tirschenreuth waren rund 25 Menschen registriert. Ein überschaubarer Anfang für ein Vorhaben, das rechnerisch 26 Gemeinden und mehr als 70.000 Einwohner erreichen soll.
Dann ging der zweite Wettbewerb online. Sieben Tage später waren es rund 2.500 Konten mehr.
Ein ruhiger Start
Der erste Wettbewerb auf der Plattform, „Altbestand neu gedacht!“, richtete sich an Eigentümerinnen und Eigentümer leerstehender Gebäude: ein präzises Zielpublikum, aber naturgemäß ein kleines. Wer kein leerstehendes Haus besitzt, hat dort nichts zu suchen. Die 25 Nutzer der ersten Wochen sind aus dieser Perspektive kein schlechtes Ergebnis, sondern ziemlich genau das, was ein Nischenthema an Reichweite hergibt.
Der technische Unterbau ist auf alle 26 Gemeinden ausgelegt: Jede soll perspektivisch einen eigenen Mandanten auf derselben Consul-Installation bekommen, koordiniert vom Landratsamt im Rahmen des Bayerischen Regionalmanagement-Programms. Ganz durchgezogen ist dieser Aufbau noch nicht. Aktuell läuft die Beteiligung auf Landkreisebene, die einzelnen Gemeinden folgen erst Schritt für Schritt. Für einen kreisweiten Wettbewerb ist das kein Nachteil: Er spielt sich ohnehin auf dieser einen Ebene ab und erreicht Vereine aus allen 26 Gemeinden gleichermaßen, unabhängig davon, wie weit der Rollout in die einzelnen Rathäuser schon vorangekommen ist.
Die Vereins-Challenge
Der zweite Wettbewerb hatte ein anderes Profil. „#undwasmachstdu? – Die Vereins-Challenge“ richtet sich an Feuerwehren, Sportvereine, Musikvereine, Obst- und Gartenbauvereine, die Wasserwacht, soziale Initiativen und Jugendgruppen im gesamten Landkreis. Die Aufgabe ist denkbar einfach: ein Kampagnenplakat im Landkreis aufsuchen, ein möglichst kreatives Gruppenfoto damit machen, hochladen. Nach Freigabe erhält jeder Verein einen eigenen Link und die Aufgabe, damit möglichst viele Stimmen zu sammeln. Prämiert werden die drei Vereine mit den meisten Unterstützern: 500 Euro für den ersten Platz, je 250 Euro für Platz zwei und drei.
Ganz ohne Vorlauf kam das nicht zustande. Der Landkreis hat die Challenge aktiv beworben: mit Plakaten im gesamten Kreisgebiet, dazu Ankündigungen auf den eigenen Social-Media-Kanälen. Diese Basis-Sichtbarkeit erklärt, warum überhaupt so viele Vereine vom Wettbewerb erfuhren. Die eigentliche Wachstumsdynamik entstand aber erst danach.
Neunzehn Vereine, ein Wettstreit
Neunzehn Vereine haben mitgemacht. Manche mit ein paar Dutzend Unterstützern, andere weit darüber hinaus: Eine Schützengesellschaft kam auf 613 Stimmen, eine Faschingsgesellschaft auf 664. Unter den Einreichungen sind inzwischen mehr als 100 Kommentare zusammengekommen, Anfeuerungen, Vereinsgeschichten, Fotos aus früheren Jahren. Ein Ende ist zum Zeitpunkt dieses Artikels nicht in Sicht, auch wenn die Einreichungsfrist bereits am 3. Juli endete. Die Abstimmung läuft weiter.
Warum ausgerechnet Vereine funktionieren
Was hier passiert, ist technisch betrachtet unspektakulär. Die Plattform nutzt das Vorschläge-Modul von Consul: Jede eingereichte Einsendung ist ein Vorschlag mit eigener URL, jede Stimme eine Unterstützung, die ein Nutzerkonto voraussetzt. Genau darin liegt der eigentliche Mechanismus. Ein Verein, der um Stimmen wirbt, teilt seinen Link nicht abstrakt. Er schickt ihn an die WhatsApp-Gruppe der Feuerwehr, postet ihn im Vereinsheim-Aushang, spricht ihn beim Vereinsabend direkt an. Wer abstimmen will, muss sich registrieren. Und schon ist aus einer Werbeaktion für ein Sommerfest ein Wachstumstreiber für die gesamte Plattform geworden.
Das ist kein Zufall, sondern ein Effekt, den man kennt, wenn man mit Vereinsstrukturen im ländlichen Raum arbeitet. Der Freiwilligensurvey zeigt seit Jahren, dass die Engagementquote in ländlichen Regionen häufig über dem Bundesdurchschnitt liegt: ein soziales Kapital, das analoge Vereinsstrukturen längst besitzen und digitale Plattformen erst mühsam aufbauen müssten. Tirschenreuth hat dieses Kapital nicht neu geschaffen. Der Landkreis hat es lediglich an die richtige Stelle geleitet.
Dabei ist die Rangliste selbst fast schon Nebensache. Interessanter ist, wer überhaupt mitgemacht hat: nicht nur die üblichen Verdächtigen aus den größeren Marktgemeinden, sondern auch Vereine aus kleinen Orten, die sonst in keiner Kreisstatistik auftauchen. Für einen Landkreis, der laut den Zahlen aus dem ersten Wettbewerb in weiten Teilen seit Jahrzehnten Einwohner verliert, ist das mehr als eine Randnotiz. Es zeigt, dass Vereinsleben dort funktioniert, wo die Bevölkerungskurve längst nach unten zeigt.
Kein Beteiligungsprozess im engeren Sinn?
Der naheliegende Einwand: Ein Wettbewerb mit Preisgeld ist kein Beteiligungsprozess im engeren Sinn. Niemand stimmt hier über eine Investition, eine Bauleitplanung oder einen Haushaltsposten ab. Das stimmt, und es ist trotzdem kein triviales Ergebnis. Die über 100 Kommentare unter den Einreichungen zeigen, dass es bei den Stimmen nicht geblieben ist: Menschen haben tatsächlich geschrieben, kommentiert, sich gegenseitig Mut gemacht, und zwar auf derselben Plattform, die sechs Wochen zuvor kaum genutzt wurde. Die eigentliche Hürde bei digitaler Bürgerbeteiligung ist selten das fehlende Interesse an Sachthemen. Sie ist das leere Konto, die unbekannte Plattform, der fehlende erste Grund, sich überhaupt anzumelden. Die Plakat- und Social-Media-Kampagne des Landkreises hat dafür gesorgt, dass die Challenge überhaupt bekannt wurde. Gelöst hat das Anmelde-Problem aber erst der zweite Schritt: dass die Vereine selbst ihre eigenen sozialen Netzwerke zu Multiplikatoren gemacht haben.
Was danach mit den 2.500 neuen Konten passiert, ist die eigentliche Bewährungsprobe. Ein Konto, das für eine Abstimmung über ein Sommerfest-Gruppenfoto angelegt wurde, bleibt nicht automatisch aktiv, wenn im Herbst über einen Radweg oder eine Dorfsanierung diskutiert wird. Genau das unterscheidet den kurzfristigen Ausschlag von dauerhafter Beteiligungskultur. Genau daran wird sich zeigen, ob der Landkreis aus dem Momentum mehr macht als eine gute Zahl in einer Auswertung.
Ein Muster für andere Landkreise
Für andere Landkreise ist das Muster trotzdem interessant, gerade weil es sich nicht auf Tirschenreuth beschränkt. Nahezu jede Region in Deutschland hat Feuerwehren, Sportvereine, Musikvereine, die um Sichtbarkeit und Nachwuchs konkurrieren. Wer diesen bestehenden Wettbewerbsgeist mit einem echten, wenn auch kleinen Anreiz verbindet (500 Euro haben hier gereicht), braucht für die Grundsichtbarkeit nur eine überschaubare Kampagne aus Plakaten und Social-Media-Posts. Der eigentliche Reichweitengewinn kommt danach kostenlos: von den Vereinen selbst, die ihre eigenen Netzwerke aktivieren. Die Voraussetzung ist keine große Fördersumme, sondern eine Plattform, die eine solche Aktion technisch einfach abbilden kann: individuelle Vorschlagslinks, klare Fristen, ein Preisgeld, das überschaubar bleibt.
25 Nutzer in sechs Wochen. 2.500 in sieben Tagen. Plakate und Social-Media-Posts haben die Vereins-Challenge sichtbar gemacht. Vervielfacht haben sie am Ende neunzehn Vereine, die taten, was Vereine im ländlichen Raum am besten können: Menschen mobilisieren, die sie persönlich kennen.
Wie viel digitales Beteiligungspotenzial liegt eigentlich schon in bestehenden Vereinsstrukturen brach, bevor eine Kommune über eine neue Plattform überhaupt nachdenkt?



