
Digitale Bürgerbeteiligung – das klingt nach Stadtentwicklungsbüros, Stabsstellen für Partizipation, Großstadtpolitik. Nicht nach Oberpfalz. Nicht nach dem dünnst besiedelten Landkreis Bayerns, verteilt auf 1.084 Quadratkilometer.
Landkreis Tirschenreuth widerlegt dieses Bild seit April 2026.
Warum gerade jetzt – und warum Tirschenreuth?
Tirschenreuth hat rund 72.000 Einwohner auf über 1.000 Quadratkilometer Fläche, aufgeteilt auf 26 Gemeinden. Laut Wegweiser Kommune haben 19 davon seit 1988 Einwohner verloren. Demographischer Rückgang ist kein abstraktes Zukunftsszenario, sondern gelebte Gegenwart.
Das Regionalmanagement des Landkreises hat daraus eine Schlussfolgerung gezogen, die nicht selbstverständlich ist: Wenn die Region stabilisiert werden soll, braucht es echte Beteiligung – keine Alibiveranstaltungen, kein sporadisches Vorgehen, sondern eine dauerhafte Struktur.
Das Bayerische Regionalmanagement-Programm (aktuelle Förderphase: 2025 bis 2027) fördert explizit den Aufbau partizipativer Strukturen. Tirschenreuth nutzt dieses Fenster. Lisa Burger koordiniert das Regionalmanagement im Landratsamt – die Plattform ist Teil eines größeren Programms: Regionalentwicklungsstrategie, Regionalmarke, und digitale Bürgerbeteiligung als dauerhaftes Instrument. Kein Einzelprojekt, das nach zwei Jahren stillsteht.
26 Kommunen auf einer Plattform
Der technische Kern ist das Mandantensystem. Im Hintergrund läuft eine einzige Consul-Installation, die demokratie.today für den Landkreis betreibt. Im Vordergrund startet zunächst der Landkreis selbst – die Infrastruktur ist jedoch von Anfang an auf alle 26 kreisangehörigen Kommunen ausgelegt: Jede kann schrittweise ihren eigenen Bereich bekommen, eigene Projekte, eigene Nutzergruppen.
Das Modell ähnelt dem, was interkommunale Verbünde nutzen – etwa der Zusammenschluss von Bad Homburg, Friedrichsdorf und Wehrheim im Taunus. Der Unterschied: In Tirschenreuth koordiniert nicht ein Zweckverband, sondern der Landkreis selbst. Das Landratsamt übernimmt die Koordinierungsrolle, die sonst oft niemand spielt.
Geteilte Infrastruktur bedeutet nicht nur Kosteneffizienz. Sie schafft gemeinsame Standards, gemeinsame Lernkurven, und die Möglichkeit, Projekte kreisübergreifend sichtbar zu machen. Schulungen für Mitarbeitende des Landratsamts und aller kreisangehörigen Kommunen wurden bereits abgeschlossen – Voraussetzung dafür, dass die Plattform von Anfang an aktiv genutzt werden kann.
Das erste Projekt: Leerstände als Ressource
Den Auftakt machte ein Wettbewerb, der perfekt zum Profil des Landkreises passt: „Altbestand neu gedacht!“ – ein Ideenwettbewerb für Eigentümer von Leerständen.
Wer ein seit mindestens zwei Jahren leerstehendes Gebäude besitzt, konnte sich über die Plattform bis Mitte Mai 2026 bewerben. Ziel ist nicht nur die Registrierung, sondern echte Nachnutzungskonzepte: Ausgewählte Objekte werden fachlich begleitet, Eigentümer tragen maximal zehn Prozent der Konzeptkosten – begrenzt auf 1.000 Euro.
Leerstand ist in Tirschenreuth kein Randthema, sondern eines der drängendsten regionalen Fragen. In 19 von 26 Gemeinden sind die Einwohnerzahlen rückläufig, Gebäude stehen leer, Ortskerne verlieren ihre Funktion. Die Plattform greift diesen Bedarf direkt auf – nicht mit einer abstrakten Stadtentwicklungsumfrage, sondern mit einem konkreten Angebot, das konkrete Eigentümer mit konkreten Gebäuden aktiviert.
Das ist Bürgerbeteiligung im ländlichen Raum: nicht als Kopie städtischer Formate, sondern als Antwort auf lokale Realitäten.
Was Landkreise anders brauchen als Städte
Städte beteiligen zu Mobilität, Haushalt, Stadtentwicklung. Die Zielgruppe ist konzentriert, die Zuständigkeiten klar, die Projekträume urban.
Landkreise stehen vor anderen Voraussetzungen. Die Bevölkerung ist verteilt. Die politische Zuständigkeit liegt zwischen Landratsamt und 26 Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern. Die Themen reichen von regionaler Infrastruktur über Klimaanpassung bis zu Daseinsvorsorge – Bereiche, in denen Bürgerinnen und Bürger echten Gestaltungsspielraum haben können, wenn man ihn ihnen gibt.
Beteiligungsplattformen für Landkreise müssen deshalb anders konzipiert sein als für Städte. Mandantenfähigkeit ist keine Komfortoption, sondern Grundbedingung. Die Software muss abbilden, dass zwanzig Gemeinden zwanzig verschiedene Themen haben können – und trotzdem unter einem gemeinsamen Dach sichtbar werden. Und sie braucht eine Koordinierungslogik, die den Landkreis als übergeordnete Ebene sichtbar macht, ohne die Eigenständigkeit der einzelnen Kommunen zu übergehen.
Das Fördermuster als Blaupause
Für andere Landkreise interessant: Der Finanzierungsweg über das Bayerische Regionalmanagement-Programm ist reproduzierbar. Es ist kein Sonderfall, sondern ein Programm, das explizit digitale Beteiligungsinfrastruktur als förderfähige Investition definiert.
Tirschenreuth zeigt, dass der Einstieg möglich ist – auch ohne Großstadtressourcen, ohne Stabsstelle Partizipation, ohne jahrelange Vorerfahrung mit digitalen Beteiligungsformaten. Was es braucht: einen Landkreis, der die Koordinierungsverantwortung übernimmt, und eine Plattform, die mit dieser Struktur umgehen kann.
Das Modell funktioniert. Und es braucht keine 500.000-Einwohner-Stadt dafür.
Hat Ihr Landkreis bereits eine Strategie für digitale Bürgerbeteiligung – oder steht das noch aus?



