Wessen Geschichte erzählt ein Straßenschild? Bürgerbeteiligung in der Stadtplanung als Gleichstellungsinstrument

Weniger als zehn Prozent der nach Personen benannten Straßen in deutschen Städten tragen einen Frauennamen. Die Denkmäler: Feldherren, Bürgermeister, Industrielle. Die Platzbenennungen: Bismarck, Hindenburg, Adenauer. Das ist kein historisches Relikt. Es ist das Ergebnis kommunaler Entscheidungen – Stadtplanungsentscheidungen –, die nie als solche diskutiert wurden.

Augsburg hat genau diese Frage zum Gegenstand digitaler Bürgerbeteiligung in der Stadtplanung gemacht. Sechs Wochen lang lief auf machmit.augsburg.de das Projekt „Unsichtbar war gestern – Frauen im Stadtraum neu denken“. Die Gleichstellungsstelle der Stadt fragte: Wie werden Frauengeschichten im Stadtbild sichtbar? Am 8. März – dem Internationalen Frauentag – endete die Beteiligungsphase. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit.

Die Frage klingt einfach. Die 16 eingereichten Vorschläge zeigen, dass sie es nicht ist.

Ideen, die weiter denken als Umbenennung

Die Bandbreite der Beiträge zeigt, was passiert, wenn man eine Frage stellt, die in dieser Form vorher nie öffentlich gestellt wurde. Fensterinterventionen in der Augsburger Innenstadt. Eine Plakatreihe mit Zitaten historischer Augsburgerinnen. Lichternächte, die vergessene Biografien in den Stadtraum projizieren. Audio-Walks durch die Altstadt, die an Wirkungsstätten Augsburger Frauen Station machen. QR-Code-Stationen an Orten, die bisher keine Geschichte erzählen. Vorschläge, neue Straßen konsequent nach Frauen zu benennen – und die Auswahlkriterien dafür öffentlich zu diskutieren.

Kein einziger Vorschlag beschränkt sich auf den Austausch eines Straßenschildes.

Die Teilnehmenden denken in Formaten – in Erlebbarem, in räumlichen Interventionen. Das passiert, wenn eine Fragestellung offen genug formuliert ist, um kreative Antworten zu ermöglichen, und konkret genug, um nicht in Allgemeinheiten zu enden. Die Gleichstellungsstelle hatte kein fertiges Konzept in der Schublade. Sie hatte eine Frage – und eine Plattform.

Wer entscheidet eigentlich, welcher Name auf ein Straßenschild kommt? In den meisten Kommunen ein Ausschuss – oft der Kulturausschuss, manchmal ein Benennungsbeirat. Formal ist das ein Verwaltungsakt. In der Wirkung ist es Geschichtspolitik: Jedes Schild, jede Gedenktafel erzählt eine Version davon, wem diese Stadt gehört und wessen Beitrag als erinnerungswürdig gilt.

Augsburg – Fuggerstadt, Renaissancestadt, UNESCO-Welterbe – hat von dieser Geschichte reichlich. Und wie in fast jeder deutschen Stadt ist sie im öffentlichen Raum überwiegend männlich codiert.

Die Bertelsmann Stiftung hat in ihren Arbeiten zur vielfältigen Demokratie wiederholt gezeigt, dass Beteiligungsverfahren in der Stadtentwicklung systematisch bestimmte Gruppen bevorzugen: ältere, formal höher gebildete, überwiegend männliche Teilnehmer. Wenn dieselben Gruppen auch darüber mitentscheiden, wer im Stadtraum repräsentiert wird, reproduziert die Beteiligung den blinden Fleck, den sie auflösen sollte.

Augsburg ging dieses Problem von der anderen Seite an. Das Projekt wurde nicht vom Stadtplanungsamt getragen und nicht vom Kulturreferat, sondern von der Gleichstellungsstelle. Die Frage nach Sichtbarkeit im öffentlichen Raum wurde als Gleichstellungsfrage gestellt – und damit wurde deutlich, dass es nicht um Ästhetik geht, sondern darum, welche Version von Geschichte eine Stadt ihren Bewohnerinnen und Bewohnern täglich zeigt.

Geschlechtergerechte Stadtplanung ist in der Fachwelt kein neues Konzept. Wien gilt seit den 1990er Jahren als Vorreiterin – über 60 Pilotprojekte unter der Stadtplanerin Eva Kail, von der Frauen-Werk-Stadt bis zur Seestadt Aspern. Das BBSR-Forschungsprojekt „Gendergerechte Stadtentwicklung“ hat zwischen 2023 und 2025 zehn nationale Praxisbeispiele dokumentiert. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt Gender Planning als einen Perspektivwechsel, der über Benennung hinausgeht: Es geht um die Frage, für wen Stadtraum geplant wird, wessen Alltagswege berücksichtigt werden, wessen Sicherheitsempfinden zählt. Im kommunalen Alltag in Deutschland ist davon wenig angekommen.

Augsburg greift einen Teil dieses Perspektivwechsels auf – und macht ihn zum Gegenstand öffentlicher Beteiligung.

Was die Plattform ermöglicht

Die Beteiligung lief über das Vorschlagsmodul auf machmit.augsburg.de. Bürgerinnen und Bürger reichten eigene Ideen ein, andere konnten diese unterstützen oder kommentieren. Der Unterschied zu einem offenen Aufruf per E-Mail oder einem Ideenbriefkasten im Rathaus-Foyer ist struktureller Natur: Jeder Vorschlag war öffentlich sichtbar, die Unterstützung durch andere messbar, die Diskussion nachvollziehbar. Consul, die Open-Source-Plattform hinter machmit.augsburg.de, macht aus einer Ideensammlung einen strukturierten Prozess – statt einer Sammlung loser Einsendungen, die in einem Aktenvermerk verschwinden.

Wer mitmachen wollte, musste sich registrieren. Eine Verifikation als Augsburger Einwohnerin war nicht erforderlich. Die Stadt entschied sich für ein Modell mit niedriger Zugangsschwelle und einem Mindestmaß an Verbindlichkeit: offen genug für alle, die etwas beitragen wollten – auch ehemalige Augsburgerinnen, Pendlerinnen, Studierende –, verbindlich genug, um rein anonyme Beiträge zu vermeiden. Bei einem Thema, das von Neugier und kreativem Engagement lebt, ein sinnvoller Mittelweg.

Augsburg ist nicht die erste Stadt, die über weibliche Sichtbarkeit im Stadtraum diskutiert. Berlin hat 2021 einen ressortübergreifenden Prozess gestartet, um Straßenbenennungen geschlechtergerechter zu gestalten. München sucht seit Jahren gezielt nach Frauen für neue Straßennamen. Hamburg hat eine Datenbank historisch bedeutsamer Frauen aufgebaut. Aber diese Prozesse laufen fast immer verwaltungsintern – als Prüfauftrag, als Kommissionsarbeit, als politischer Beschluss. Die Öffentlichkeit erfährt das Ergebnis, nicht den Prozess.

Was Augsburg anders macht: Die Stadt öffnet nicht nur die Benennung, sondern die Frage selbst. Nicht: Welche Frauen sollen auf Straßenschilder? Sondern: Welche Formate der Sichtbarmachung sind überhaupt denkbar?

Wer nur nach Namen fragt, bekommt Listen. Wer nach Formaten fragt, bekommt Ideen.

Wir sehen in unserer Arbeit mit Kommunen immer wieder, dass die Art der Fragestellung darüber entscheidet, ob eine Beteiligung operative Ergebnisse liefert oder nur Meinungsbilder erzeugt. Augsburg hat eine Frage gewählt, die den zweiten Typ vermeidet. Das Thema ist übertragbar, die Methode einfach, die Infrastruktur – eine bestehende Beteiligungsplattform, ein Vorschlagsmodul, ein klarer Zeitrahmen – in vielen Kommunen bereits vorhanden. Jede Kommune hat eine Gleichstellungsbeauftragte, jede Kommune hat öffentliche Räume, in denen dieselben Benennungsmuster gelten.

Die Einstiegshürde für ein vergleichbares Projekt ist niedrig – vorausgesetzt, die politische Bereitschaft ist da, eine Frage zu stellen, deren Antwort man nicht vollständig kontrollieren kann.

Seit dem 8. März prüft die Gleichstellungsstelle die 16 Vorschläge. Welche Ideen werden weiterverfolgt? Mit welchem Budget? In welchem Zeitrahmen? Die ehrlichste Bewertung eines Beteiligungsprojekts ist nicht die Zahl der Eingaben – es ist die Frage, was ein Jahr später im Stadtraum anders aussieht. Welche Stadt müsste diese Frage als nächstes stellen – und woran scheitert es bisher?