Parkplätze zu Stadtgärten: Wie Osnabrück Klimaanpassung zur Sache der Bürger macht

23 Stunden am Tag steht ein durchschnittliches Auto still. In dieser Zeit belegt es zwölf Quadratmeter öffentlichen Raum – in Innenstädten, in denen gleichzeitig Hitzeinseln entstehen, Starkregen nicht versickern kann und Menschen nach Orten suchen, an denen sie sich aufhalten können, ohne etwas kaufen zu müssen. In Berlin, so die Agora Verkehrswende, gibt es zehnmal mehr Fläche für parkende Autos als für Grünflächen und Spielplätze zusammen.

Osnabrück hat daraus eine konkrete Konsequenz gezogen – und die Frage, wo genau, den Bürgerinnen und Bürgern überlassen.

Vier Parkplätze, vier Stadtgärten

Im Mai 2023 stellte die Stadt Osnabrück die ersten vier mobilen Stadtgärten auf: begrünte Sitzmodule auf ehemaligen Parkplätzen in der Bierstraße, der Hasestraße, am Domhof und an der Johannisfreiheit. Jedes Modul belegt eine einzige Stellfläche – rund zwölf Quadratmeter, auf denen vorher ein Auto stand und jetzt Pflanzen wachsen und Menschen sitzen.

Das Projekt ist Teil des EU-Förderprogramms REACT-EU, über das Niedersachsen rund 205 Millionen Euro für die Reattraktivierung von Innenstädten erhielt. Das Referat Mobile Zukunft der Stadt Osnabrück nutzte die Mittel für ein Modell, das in dieser Form ungewöhnlich ist: ein Zwei-Phasen-Ansatz, der temporäre Begrünung mit dauerhafter Entsiegelung verknüpft.

Erst mobil, dann permanent

Die erste Phase testet Standorte. Mobile Module – Holzkästen mit Bepflanzung und Sitzgelegenheiten – werden für etwa ein Jahr aufgestellt. Die zweite Phase macht den Eingriff irreversibel: Nach einem Ratsbeschluss werden die Module an neue Standorte verlagert, und die bisherigen Parkplätze werden dauerhaft entsiegelt und begrünt. Drei von vier Flächen erhalten zusätzlich feste Sitzmöbel und Abfallbehälter.

Was klingt wie ein Verwaltungsvorgang, ist in Wahrheit ein ziemlich mutiger Schritt. Denn ein entsiegelter Parkplatz wird nicht so leicht wieder einer. Die Fläche versickert jetzt Regenwasser, kühlt im Sommer die umgebende Luft und funktioniert als – wenn auch kleiner – Baustein einer klimaresilienten Innenstadt. Das Umweltbundesamt stuft Entsiegelung als „breit anwendbare und sofort wirksame Maßnahme zur Klimaanpassung“ ein.

Die Frage ist nur: Wer bestimmt, wo das passiert?

Über 50 Standortvorschläge – digital gesammelt

Osnabrück hat diese Frage nicht in einer Ausschusssitzung beantwortet, sondern auf dem städtischen Dialog- und Beteiligungsportal. Über ein Formular konnten Bürgerinnen und Bürger Standorte innerhalb des Wallrings vorschlagen, an denen sie sich mobile Stadtgärten wünschen. Bedingung: öffentlicher Parkplatz, innerhalb des Fördergebiets. Über 50 Vorschläge gingen ein. Die vier neuen Standorte – Hasestraße 10, Lortzingstraße, Dielingerstraße, Schillerstraße – wurden aus diesen Vorschlägen ausgewählt.

Das Portal, das auf Consul basiert, wird in Osnabrück mittlerweile für 22 Beteiligungsprojekte genutzt: von der kommunalen Wärmeplanung über das Zukunftsnetz für den Busverkehr bis zur Neugestaltung des Magnum-Areals. Die mobilen Stadtgärten sind nicht das größte dieser Projekte, aber vielleicht das anschaulichste. Weil das Ergebnis im Straßenbild sichtbar wird – und weil die Frage „Parkplatz oder Grünfläche?“ eine ist, zu der wirklich jeder eine Meinung hat.

Parkplätze umwidmen ist komplizierter, als es klingt

Das Bundesverwaltungsgericht hat bereits 1969 entschieden, dass Parkplätze an öffentlichen Straßen nicht einfach durch eine Sondernutzungserlaubnis dem Gemeingebrauch entzogen werden dürfen. Die Umwidmung ist primär eine verkehrsrechtliche Frage, keine straßenrechtliche – was bedeutet, dass Kommunen je nach Landesrecht unterschiedliche Wege gehen müssen.

Leipzig hat seine Sondernutzungssatzung angepasst, um Parklets einfacher aufstellen zu können. Berlin förderte über das Programm „Parklets für Berliner Kieze“ 60 grüne Inseln in sechs Bezirken – derzeit allerdings pausiert wegen Haushaltseinsparungen. München hat mit der Wanderbaumallee von Green City e.V. seit 1992 ein Modell, das mobile Bäume temporär durch graue Straßen wandern lässt und dabei Bürgerinnen und Bürger als Gießpaten einbindet.

Was Osnabrück von diesen Ansätzen unterscheidet, ist die Kombination aus digitalem Beteiligungsformat und dem Schritt von temporär zu permanent. Die meisten Parklet-Programme bleiben beim Provisorium. Osnabrück entsiegelt.

Was Stadtgrün mit Demokratie zu tun hat

Das Weißbuch Stadtgrün des Bundesumweltministeriums definiert zehn Handlungsfelder für urbane Grünflächen. Eines davon heißt: „Akteure gewinnen, Gesellschaft einbinden.“ Das klingt nach Selbstverständlichkeit, ist aber in der Praxis das schwierigste Handlungsfeld. Denn wer über die Umverteilung von öffentlichem Raum entscheidet – ob Parkplatz, Radweg, Außengastronomie oder Grünfläche –, trifft politische Entscheidungen, die Konflikte erzeugen.

Die BGL-Studie „Grün in die Stadt“ zeigt, dass jeder zweite Deutsche sich mehr Stadtgrün wünscht, um Klimafolgen abzumildern. In Großstädten halten 38 Prozent die bisherigen Investitionen in Parks und Grünflächen für unzureichend. Der Wille ist da. Was fehlt, ist oft ein Format, das diesen Willen in konkrete Orte übersetzt.

Genau das hat Osnabrück versucht. Nicht mit einer repräsentativen Umfrage, nicht mit einer Bürgerversammlung – sondern mit einem digitalen Formular, das eine einfache Frage stellt: Wo soll der nächste Stadtgarten stehen?

Konsumfreies Begegnen

Ein Detail des Osnabrücker Projekts verdient besondere Aufmerksamkeit: Die Stadtgärten sind explizit als Orte des „konsumfreien Begegnens“ konzipiert. In einer Innenstadt, in der fast jeder Sitzplatz an einen Kaffee oder ein Mittagessen geknüpft ist, schafft ein begrünter ehemaliger Parkplatz etwas, das es dort vorher nicht gab – einen öffentlichen Aufenthaltsort ohne Gegenleistung.

Das ist keine Kleinigkeit. Es verändert, wer sich in der Innenstadt aufhält und wie lange. Und es verändert die Frage, die sich eine Kommune stellen muss: Nicht „Haben wir genug Parkplätze?“, sondern „Haben wir genug Orte, an denen Menschen sein können?“

Osnabrück hat 165.000 Einwohner, kein Millionenbudget für Stadtbegrünung und keinen nationalen Modellprojekt-Status. Aber die Stadt hat ein Beteiligungsformat gefunden, das eine politisch aufgeladene Frage – Parkplatz oder Grün? – in eine handhabbare Bürgerbeteiligung übersetzt. Vier Parkplätze sind jetzt Gärten. Vier weitere Flächen sind dauerhaft entsiegelt. Und über 50 Bürgerinnen und Bürger haben gesagt, wo sie sich das als nächstes wünschen.

Parkplatz oder Grünfläche – wer entscheidet das in Ihrer Kommune? Und wie?