
70 Prozent der deutschen Kommunen sehen sich in starker Abhängigkeit von ihren IT-Anbietern. Das zeigt das Souveränitätsbarometer der öffentlichen IT, veröffentlicht von next:public im Herbst 2025. Was dabei auffällt: Die Abhängigkeit entsteht nicht dort, wo die meisten Vergabegremien hinschauen – bei der Lizenzform. Sie entsteht beim Betriebsmodell, bei der Datenhaltung und bei der Frage, wer den Code kontrolliert.
Die Debatte „Open Source oder SaaS?“ hat in den letzten Jahren viele Ausschusssitzungen und Vergabeverfahren beschäftigt. Gerade wenn es um Open-Source-Beteiligungssoftware für digitale Bürgerbeteiligung geht, stellt sich die Frage regelmäßig: Sollen wir auf eine quelloffene Plattform setzen, oder lieber ein fertiges SaaS-Produkt buchen?
Die Antwort: Das ist die falsche Frage.
Denn Open Source und SaaS sind keine Gegensätze.
Open Source ist kein Betriebsmodell
Das Missverständnis beginnt bei der Begriffsdefinition. Open Source beschreibt eine Lizenzform: Der Quellcode ist öffentlich einsehbar, darf verändert und weitergegeben werden. SaaS – Software as a Service – beschreibt ein Betriebsmodell: Die Software läuft beim Anbieter, die Kommune nutzt sie über den Browser.
Beides lässt sich kombinieren. Consul, eine der weltweit meistgenutzten Open-Source-Plattformen für Bürgerbeteiligung – eingesetzt in über 250 Städten, von Madrid bis München – wird in Deutschland fast ausschließlich als SaaS betrieben. Die Kommunen greifen per Browser auf die Plattform zu, der Betrieb liegt beim Dienstleister. Trotzdem ist der Quellcode offen, überprüfbar und jederzeit von einem anderen Anbieter betreibbar.
Das Fraunhofer-Institut IESE hat das in einer Studie für das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2024 klar formuliert: Open-Source-Software kann „mit ähnlich umfangreichen Leistungspaketen wie proprietäre Software“ als SaaS angeboten werden. Die Lizenzform sagt nichts über das Betriebsmodell.
Wer also fragt „Open Source oder SaaS?“, vergleicht Äpfel mit Fahrrädern.
Die eigentliche Frage: Wer kontrolliert was?
Statt über Lizenzformen zu debattieren, sollten kommunale Entscheider drei andere Fragen stellen.
Wer kontrolliert den Code? Bei proprietärer Software liegt der Quellcode beim Anbieter. Die Kommune kann nicht prüfen, was mit Bürgerdaten geschieht – sie muss dem Anbieter vertrauen. Bei Open Source kann sie den Code lesen, auditieren lassen und im Zweifel selbst anpassen. Das ist kein theoretischer Vorteil: Wenn es um DSGVO-Konformität bei Beteiligungsplattformen geht, ist Transparenz im Code eine Voraussetzung, kein Bonus.
Wer kontrolliert die Daten? SaaS bedeutet nicht automatisch, dass die Daten beim Anbieter liegen – aber häufig ist das der Fall. Entscheidend ist: Kann die Kommune ihre Daten jederzeit vollständig exportieren? In einem offenen Format? Ohne Aufpreis? Laut dem Souveränitätsbarometer berichten 56 Prozent der befragten Verwaltungen von unflexiblen Wechselbedingungen – und das nicht nur bei außereuropäischen Anbietern, sondern auch bei deutschen.
Wer kontrolliert die Weiterentwicklung? Bei proprietärer Software bestimmt der Anbieter die Roadmap. Bei Open Source kann – zumindest theoretisch – jeder beitragen. In der Praxis hängt das von der Community ab. Decidim, als Abspaltung von Consul in Barcelona entstanden, wird heute in 485 Instanzen in 32 Ländern genutzt, darunter vom französischen Senat und der Stadt Helsinki. Adhocracy+, entwickelt vom Berliner Verein Liquid Democracy e.V., ist in 30 deutschen Kommunen im Einsatz und kostenlos nutzbar. Das Open-Source-Ökosystem für Bürgerbeteiligung ist breiter, als viele Vergabestellen vermuten.
Was passiert, wenn der Anbieter verschwindet
Der US-amerikanische GovTech-Konzern Granicus hat in den letzten Jahren 16 Unternehmen übernommen – von Genehmigungssoftware bis zur Kommunikationsplattform für gewählte Vertreter. Das Geschäftsmodell: Plattformstrategie durch Zukauf, finanziert durch Private Equity. In Europa hat sich CitizenLab – eine der bekanntesten SaaS-Plattformen für Bürgerbeteiligung – 2024 in Go Vocal umbenannt und bedient nach eigenen Angaben 500 Regierungen weltweit. Der Markt konsolidiert sich, die Investorenlogik drängt hinein.
Für Kommunen bedeutet das: Wer heute eine proprietäre Plattform wählt, entscheidet sich nicht nur für ein Produkt. Er entscheidet sich für ein Ökosystem, das er nicht kontrolliert. Wenn der Anbieter in drei Jahren einem Investor gehört, der die Preise verdoppelt oder den Support verlagert – dann zeigt sich, was „Abhängigkeit“ in der Praxis bedeutet.
Bei Open Source ist das Risiko anders gelagert. Die Software verschwindet nicht, wenn ein einzelner Anbieter aufgibt. Der Code bleibt. Die Community bleibt. Ein anderer Dienstleister kann den Betrieb übernehmen. Das ist kein Versprechen von Perfektion – auch Open-Source-Projekte können an Dynamik verlieren. Aber die Ausstiegsoption existiert. Und allein das verändert die Verhandlungsposition einer Kommune.
Der blinde Fleck: Personal
Was in der Debatte regelmäßig fehlt: Open Source ist nicht automatisch günstiger. Die BBSR-Studie zeigt, dass Personalkosten für Monitoring, Wartung und Support 50 bis 85 Prozent der Gesamtkosten ausmachen – unabhängig von der Lizenzform. Eine Kommune, die Consul oder Decidim selbst betreiben will, braucht entweder eigene IT-Kapazitäten oder einen Dienstleister, der den Betrieb übernimmt.
Die KGSt hat das erkannt und 2024 in ihrem Bericht zur „Open-Source-Governance“ Strukturen für den kommunalen Open-Source-Einsatz empfohlen: klare Rollen, Prozesse, Verantwortlichkeiten. Denn Open Source entfaltet seinen Wert nicht durch die Lizenz allein – sondern durch das Ökosystem dahinter, durch interkommunale Kooperationen und durch Dienstleister, die auf offener Basis arbeiten.
Der Bitkom Open Source Monitor 2023 zeigt: 59 Prozent der deutschen Behörden setzen bereits auf Open Source. Die Richtung stimmt. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie.
Die richtige Frage für die nächste Ausschusssitzung
Wenn demnächst wieder jemand fragt „Sollen wir auf Open Source oder auf SaaS setzen?“ – dann ist die ehrliche Antwort: Beides schließt sich nicht aus. Die Frage, die stattdessen auf den Tisch gehört: Wem gehört die Plattform, auf der unsere Bürgerinnen und Bürger ihre Meinung äußern? Und was passiert, wenn wir den Anbieter wechseln wollen?
Wer darauf keine gute Antwort hat, hat ein Souveränitätsproblem – egal welches Label auf der Software klebt.
Wie gehen Sie in Ihrer Kommune mit der Frage der digitalen Souveränität bei Beteiligungsplattformen um – und spielte die Lizenzform bei der Entscheidung eine Rolle?



