Jugend schenkt – wenn Schülerinnen über 50.000 Euro abstimmen

50.000 Euro. Darüber entscheiden Hamburger Schülerinnen und Schüler.

Nicht die Schulleitung. Nicht das Bezirksamt. Nicht irgendeine Kommission aus Erwachsenen, die genau wissen, was Jugendliche brauchen. Schülerinnen und Schüler der Hamburger Oberstufe schlagen vor, diskutieren und stimmen ab – und dann fließt das Geld.

Das ist „Jugend schenkt“, eine Initiative der Gemeinnützigen Treuhand Hamburg (GTS). Und es ist eines der ungewöhnlichsten Projekte, bei denen unsere Plattform in den vergangenen Monaten zum Einsatz gekommen ist.

Echte Entscheidungen, echte Verantwortung

Die meisten Beteiligungsprojekte, die wir kennen, haben eine gemeinsame Schwachstelle: Am Ende entscheidet doch wieder jemand anderes. Bürgerinnen und Bürger – oder in diesem Fall Schülerinnen und Schüler – dürfen Input geben. Ob der berücksichtigt wird, ist eine andere Sache.

Bei Jugend schenkt ist das anders. Das Budget ist real, die Abstimmungsergebnisse sind bindend, und die Projekte mit den meisten Stimmen werden tatsächlich gefördert. Das macht einen fundamentalen Unterschied – für die Qualität der Beteiligung, aber auch für das, was Jugendliche dabei lernen.

Wer als junger Mensch erlebt, dass seine Stimme tatsächlich Konsequenzen hat, entwickelt eine andere Beziehung zur Demokratie. Das ist keine pädagogische Theorie. Das ist gelebte Praxis.

Wie das Programm funktioniert

Der Ablauf folgt vier klaren Phasen. Zuerst schlagen Schülerinnen und Schüler Projekte vor – bestehende gemeinnützige Initiativen, die sie unterstützen möchten, oder neue Ideen, die ihnen am Herzen liegen. In der zweiten Phase diskutiert die Klasse: Was ist förderungswürdig? Was überzeugt? Wo gibt es Fragen?

Dann stimmen die Schülerinnen und Schüler digital ab – über die Plattform jugend-schenkt.de, die auf unserer Beteiligungssoftware Consul basiert. Die Projekte mit den meisten Stimmen erhalten eine Förderung, bis das verfügbare Budget erschöpft ist.

Bewusst hat die GTS den ersten Durchlauf dieses Jahres als geschlossenen Raum angelegt: Die Beiträge der Schülerinnen und Schüler sind nicht öffentlich einsehbar. Kein externer Kommentardruck, keine Reichweite nach außen – nur die Klasse, die ernsthaft abwägt. Das ist eine pädagogisch sinnvolle Entscheidung: Wer das erste Mal wirklich mitentscheidet, braucht keinen Zuschauerraum.

Das gesamte Programm passt in fünf bis acht Unterrichtsstunden oder eine Projektwoche. Die Pädagogik- und Demokratieexperten der GTS, darunter auch Vertreter von Mehr Demokratie e.V., haben es so konzipiert, dass Schulen ohne großen Aufwand einsteigen können. Eine Schülerin der beteiligten Helmuth-Hübener-Schule brachte es auf den Punkt: „Toll, dass Schüler endlich mitgestalten und vor allem über Gelder entscheiden können.“

Consul in einem neuen Kontext

Wir entwickeln und betreiben Consul seit Jahren für Kommunen: Städte, Bezirke, Landkreise. Mehr als 36 aktive Kommunen nutzen die Plattform heute für strukturierte Beteiligungsverfahren – darunter München, Bochum, Regensburg und Osnabrück. Verwaltungen, die verstanden haben, dass digitale Partizipation kein Nice-to-have ist, sondern ein Werkzeug demokratischer Arbeit.

Jugend schenkt zeigt, dass dieser Ansatz weit über den kommunalen Bereich hinaus funktioniert. Die Gemeinnützige Treuhand Hamburg ist keine Stadtverwaltung. Sie ist eine zivilgesellschaftliche Organisation, die ein pädagogisches Ziel verfolgt: Jugendlichen echte demokratische Erfahrungen zu ermöglichen.

Das Schöne daran: Die Plattform musste dafür nicht verändert werden. Das Abstimmungsmodul, die Projektstruktur, die Diskussionsfunktionen, die Nutzerführung – alles war bereits vorhanden. Was es brauchte, war ein gutes Konzept dahinter. Dieses Konzept hat die GTS geliefert.

Demokratie lernen, indem man sie ausübt

Demokratische Institutionen stehen unter Druck. Vertrauen in Politik und Verwaltung sinkt. Populistische Bewegungen nutzen dieses Vakuum. Und in vielen Schulen sieht politische Bildung noch immer so aus: Kapitel lesen, Fragen beantworten, vergessen.

Dabei gilt seit Jahrzehnten als empirisch gesichert – die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) beschreibt es als Grundprinzip politischer Bildung: Demokratiekompetenz entsteht nicht durch Wissensvermittlung, sondern durch gelebte Partizipationserfahrung. Jugendliche, die früh erleben, dass ihre Stimme Konsequenzen hat, engagieren sich als Erwachsene stärker in demokratischen Prozessen. Der Weg dahin führt nicht über Frontalunterricht, sondern über echte Verantwortung.

Jugend schenkt schafft genau das: einen Rahmen, in dem Abstimmen nicht Simulation ist, sondern Wirklichkeit.

Was das für Schulen, Initiativen und NGOs bedeutet

Wenn dieses Projekt eines zeigt, dann: Beteiligungsplattformen sind kein exklusives Instrument kommunaler Verwaltungen. Überall dort, wo Gruppen strukturiert diskutieren und gemeinsam entscheiden wollen – in Schulen, Vereinen, Stiftungen, NGOs, Universitäten – braucht es ein digitales Werkzeug, das diese Prozesse abbildet.

Die Anforderungen ähneln sich oft: Vorschläge sichtbar machen, Diskussion ermöglichen, Abstimmungen transparent durchführen. Die Gruppen, die das brauchen, sind vielfältiger als häufig angenommen.

Die Gemeinnützige Treuhand Hamburg hat dieses Potenzial erkannt und in ein konkretes, replizierbares Programm übersetzt. Hamburger Schulen können ab sofort teilnehmen.

Ein Start, der bleibt

Jugend schenkt ist gerade live gegangen. Es ist ein Anfang – und eine Einladung an Schulen, die dieses Format ausprobieren möchten. Die Plattform steht bereit. Die pädagogischen Materialien sind entwickelt. Der Prozess ist erprobt.

Wer mehr erfahren möchte: jugend-schenkt.de