
„Noch ein Tool.“ So beschrieben Fachämter in Pforzheim das Gefühl, als die Stadt ihre Beteiligungsplattform startete. Digitale Beteiligung – zusätzlich zum ohnehin aufwendigen analogen Verfahren noch etwas einstellen, pflegen, erklären? Die Begeisterung hielt sich in Grenzen.
Heute ist digitale Beteiligung in Pforzheim Pflicht. Der Gemeinderat hat beschlossen: Jedes Projekt mit Beteiligungsverfahren nutzt die Plattform. Dazwischen liegen nicht Jahre strategischer Planung, sondern zwanzig Veranstaltungen, ein kluger Gastzugang und eine Sportlerehrung, die alles veränderte.
Drei Projekte und ein Teufelskreis
Pforzheim startete seine Beteiligungsplattform mitmachen-pforzheim.de im Rahmen der Smart-City-Strategie. Die ersten Inhalte: die veröffentlichte Strategie selbst, dazu ein paar Umfragen. Das Problem war nicht die Technik. Das Problem war die Leere.
Eine Plattform ohne Projekte wird nicht bekannt. Ohne Bekanntheit kommen keine neuen Projekte. Und Fachämter, die ohnehin unter Druck stehen, sehen in einem weiteren digitalen Kanal keine Entlastung, sondern Mehrarbeit. Das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) beschreibt diesen Effekt regelmäßig in seinen Analysen zur kommunalen Digitalisierung: Der größte Engpass bei digitaler Beteiligung ist selten die Software – es ist die interne Akzeptanz.
Michelle Bender, die in Pforzheim die Plattform verantwortet, entschied sich für den analogen Weg, um das Digitale bekannt zu machen.
Zwanzig Veranstaltungen, bevor die erste Umfrage zündete
Über ein Jahr lang war Bender in der Stadt unterwegs – Stadtteiltreffen, Gremiensitzungen, Einzelgespräche mit Fachämtern. Über zwanzig Veranstaltungen kamen zusammen. Sie stellte die Plattform vor, warb für Projekte, erklärte Möglichkeiten. Parallel holte sie sich Impulse aus dem monatlichen Consul Meetup: unter anderem das Konzept einer jährlichen Wohlfühlumfrage, das eine andere Kommune vorgestellt hatte. Besonders hilfreich war der Austausch mit der Stadt Unterschleißheim, die ihre Plattform seit Jahren erfolgreich betreibt und bereitwillig Erfahrungen teilte.
Der erste eigene Impuls war bewusst niedrigschwellig: „Pforzheims Lieblingsorte“ – eine offene Umfrage mit Gewinnspiel. Kein politisches Thema, keine komplizierte Registrierung, keine Voraussetzungen.
Das klingt trivial. Aber es löste den Teufelskreis.
Der Gastzugang als Türöffner
Eine technische Entscheidung erwies sich als entscheidend: Pforzheim aktivierte den Gastzugang. Bürgerinnen und Bürger konnten an Umfragen teilnehmen, ohne sich zu registrieren oder ein Konto anzulegen. In Consul lässt sich diese Zugangsstufe pro Projekt konfigurieren – von offen für alle bis eingeschränkt auf verifizierte Einwohner. Pforzheim wählte bewusst die niedrigste Hürde.
„Da hat man gemerkt, dass es eine Hürde genommen hat“, beschreibt Bender den Effekt. Die Teilnahmezahlen stiegen. Und mit ihnen das Vertrauen der Fachämter.
Eine Sportlerehrung verändert alles
Der Wendepunkt kam aus einer Richtung, die niemand erwartet hatte. Das Amt für Bildung und Sport wollte seine jährliche Sportlerehrung über die Plattform organisieren – kein Beteiligungsformat im klassischen Sinn, eher ein Verwaltungsvorgang. Bender gab eine kurze Einführung, baute ein Gerüst. Die Inhalte pflegte das Amt danach selbst.
Das Ergebnis: Keine einzige Anmeldung mehr per E-Mail oder Telefon. Alle nutzten das Formular.
Und dann passierte, was in Verwaltungen selten passiert, aber alles verändert, wenn es passiert: Es sprach sich herum. Im gleichen Dezernat wollte das Grünflächen- und Tiefbauamt die Plattform für Mobilitätsstationen nutzen. Das Baudezernat meldete ein Sanierungsgebiet an. Intern kam die Frage, ob auch die Stadt-App angebunden werden könnte. Aus drei Projekten wurden deutlich mehr – mit einzelnen Umfragen, an denen bis zu 700 Personen teilnahmen.
Von der Kür zur Pflicht
In vielen Kommunen bleibt digitale Beteiligung ein Zusatzangebot: abhängig davon, ob im Fachamt jemand Lust und Zeit hat, sich mit der Plattform zu beschäftigen. Pforzheim hat diesen Zustand beendet.
Als der städtische Beteiligungsbeirat auslief, nutzte die Verwaltung den Moment. Statt das Thema Beteiligung in ein Vakuum fallen zu lassen, ging sie in den Gemeinderat: mit einer Projektvorschauliste, einem Austauschtermin pro Quartal mit allen Dezernaten – und der Empfehlung, digitale Beteiligung bei jedem Beteiligungsverfahren zur Pflicht zu machen.
Der Rat stimmte zu.
Ob Pflicht der richtige Hebel ist, darüber lässt sich streiten – Bender selbst räumt das ein. Aber die Alternative wäre gewesen, die Plattform weiterhin vom Engagement Einzelner abhängig zu machen. Und das funktioniert in keiner Verwaltung dauerhaft.
Was bleibt
Pforzheims Geschichte ist kein Heldenepos einer Einzelperson, auch wenn Michelle Benders Einsatz bemerkenswert ist – ihre Vorgängerstelle wurde nicht nachbesetzt, die Plattformbetreuung läuft nebenbei. Die eigentliche Leistung ist systemisch.
Der niedrigschwellige Einstieg war entscheidend. Lieblingsorte und Gewinnspiele klingen nicht nach großer Demokratie. Aber sie bringen Menschen auf die Plattform und Fachämter in den ersten Kontakt mit dem Werkzeug. Ebenso wichtig war die analoge Vorarbeit: zwanzig Veranstaltungen, bevor die Plattform digital Fahrt aufnahm. Das widerspricht dem Versprechen, dass Digitalisierung automatisch schneller geht. Tut sie nicht. Digitalisierung braucht Vertrauen – und Vertrauen entsteht im Gespräch.
Was den Unterschied gemacht hat, ist die institutionelle Verankerung. Pflicht klingt hart. Aber sie befreit jede Projektverantwortliche davon, jedes Mal neu argumentieren zu müssen, warum digitale Beteiligung dazugehört. Im Herbst plant Pforzheim die erste hausinterne Schulung für alle Verwaltungsmitarbeitenden – der nächste Schritt auf dem Weg vom Pflichtprogramm zum Selbstverständnis.
Pforzheim bewirbt sich 2038 um die Landesgartenschau. Die Beteiligungsplattform hat dafür bereits eine eigene Seite. Nicht weil jemand darauf bestanden hat – sondern weil es inzwischen selbstverständlich ist.
Wie haben Sie es geschafft – oder woran ist es gescheitert –, digitale Beteiligung in Ihrer Verwaltung aus der Nische zu holen?



