
Am 5. März 2026, Dachterrasse des Rathauses Bad Homburg. Drei Bürgermeister stehen nebeneinander, ein Laptop zwischen ihnen zeigt eine Website mit Aquarellillustrationen und dem Schriftzug „SEID DABEI“. Pressevertreter stellen Fragen. Was hier vorgestellt wird, ist keine Großstadt-Initiative mit Millionenbudget – sondern das Ergebnis einer Entscheidung, die in deutschen Kommunen erstaunlich selten fällt: drei Nachbarkommunen teilen sich eine digitale Beteiligungsplattform.
Nicht als Landkreis-Lösung von oben verordnet. Sondern freiwillig, gleichberechtigt, mit jeweils eigenem Auftritt.
Was „SEID DABEI“ ist – und was es nicht ist
Seit dem 5. März 2026 ist unter seid-dabei.de eine gemeinsame Beteiligungsplattform für Bad Homburg v. d. Höhe, Friedrichsdorf und die Gemeinde Wehrheim online. Rund 90.000 Einwohnerinnen und Einwohner im Hochtaunuskreis haben damit Zugang zu einem Portal, über das sie sich in kommunale Planungs- und Entscheidungsprozesse einbringen können.
Die drei Kommunen teilen sich die technische Infrastruktur, aber nicht die Inhalte. Jede Kommune verwaltet ihre Projekte eigenständig, hat einen eigenen Bereich auf der Plattform – seid-dabei.de/badhomburg, seid-dabei.de/friedrichsdorf, seid-dabei.de/wehrheim – und entscheidet selbst, welche Beteiligungsformate sie einsetzt. Die gemeinsame Homepage verbindet die drei Auftritte unter einem Dach.
Das Modell ist kein Landkreisportal. Bei Landkreis-Lösungen gibt es in der Regel eine übergeordnete Instanz, die die Plattform betreibt und den Gemeinden zur Verfügung stellt. Hier ist es umgekehrt: drei Kommunen haben sich auf Augenhöhe zusammengefunden. Das klingt trivial. Wer kommunale Verwaltung kennt, weiß, dass es das nicht ist.
Für uns ist das Projekt aus zwei Gründen besonders
Erstens: Es ist die erste demokratie.today-Plattform in Hessen. Nach Kommunen in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und weiteren Bundesländern schließt sich damit eine Lücke auf der Landkarte.
Zweitens – und das ist der wichtigere Punkt: Wir betreiben inzwischen mehrere Plattformen, auf denen sich Kommunen eine Instanz teilen. Das Consul-Feature dafür heißt Multi-Tenancy – eine gemeinsame Datenbank, getrennte Auftritte, eigenständige Verwaltung. Technisch ist das etabliert. Aber bisher waren es Landkreise, die diese Architektur genutzt haben, um ihren Gemeinden eine Beteiligungsinfrastruktur anzubieten.
Bad Homburg, Friedrichsdorf und Wehrheim sind der erste Fall einer echten interkommunalen Zusammenarbeit auf unserer Plattform. Keine übergeordnete Instanz, kein Landkreis als Auftraggeber – drei Kommunen, die sich eigenständig dafür entschieden haben, Ressourcen zu teilen und gemeinsam in digitale Beteiligung zu investieren. Die Bertelsmann Stiftung hat in ihren Studien zur interkommunalen Kooperation wiederholt darauf hingewiesen, dass genau solche freiwilligen, horizontalen Kooperationsmodelle die nachhaltigsten sind – aber auch die seltensten.
Drei Kommunen, drei Startprojekte
Alle drei Kommunen sind mit einem konkreten Beteiligungsprojekt gestartet. Das ist kein Zufall – eine Plattform, die ohne Inhalte live geht, wird nicht angenommen.
Bad Homburg beginnt mit der Neugestaltung des Spielplatzes Dornholzhausen. Kein kleines Vorhaben: 550.000 Euro Budget, Baubeginn Sommer 2026. Die Bürgerinnen und Bürger können über drei Fragen abstimmen – den Namen des Spielplatzes, die Auswahl an Calisthenics-Fitnessgeräten und die Baumart für die Neupflanzungen. Die Namensgebung und die Baumwahl sind bindend, die Geräteauswahl beratend. Das ist eine saubere Differenzierung, die Erwartungen klar steuert.
Friedrichsdorf startet mit einer Umfrage zu den Öffnungszeiten der frisch sanierten Stadtbücherei am Houiller Platz. Zwölf Fragen, auch als Papierfragebogen in der Bücherei verfügbar – ein hybrides Format, das die digitale Plattform mit dem analogen Ort verbindet. Die Umfrage läuft bis April 2026.
Wehrheim nutzt die Plattform für eine Bürgerbefragung zum Einkaufsverhalten und zur Zukunft des Ortszentrums. Das Besondere hier: Die Befragung ist eingebettet in die Erstellung eines kommunalen Einzelhandelskonzepts, das die CIMA Beratung + Management GmbH im Auftrag der Gemeinde erarbeitet. Die Plattform wird damit zum digitalen Kanal für ein laufendes Fachgutachten – genau die Art von Verknüpfung zwischen externer Expertise und Bürgerbeteiligung, die in der Praxis viel zu selten hergestellt wird.
Was daraus folgt
Drei verschiedene Themen, drei verschiedene Formate, drei verschiedene Verwaltungsgrößen – und eine gemeinsame Infrastruktur. Für andere Kommunen, die über interkommunale Zusammenarbeit bei der Digitalisierung nachdenken, liefert seid-dabei.de ein konkretes Referenzmodell: Es braucht weder ein großes Budget noch eine Landkreis-Struktur. Es braucht den politischen Willen, sich auf eine gemeinsame Lösung zu einigen.
Die technische Basis – Consul, Open Source, DSGVO-konform, Server in Deutschland – ist dabei der einfachste Teil. Die eigentliche Leistung liegt in der Abstimmung zwischen drei Verwaltungen mit unterschiedlichen Prioritäten, Zeitplänen und politischen Konstellationen.
Die Pressekonferenz in Bad Homburg hat gezeigt, wie das Ergebnis dieser Abstimmung aussieht. Eine Plattform, die steht. Drei Kommunen, die sie mit konkreten Projekten füllen. Und 90.000 Menschen, die jetzt einen Ort haben, an dem ihre Meinung nicht nur gehört, sondern strukturiert verarbeitet wird.
Interkommunale Zusammenarbeit klingt in Sonntagsreden einfach – in der Praxis scheitert sie oft an Zuständigkeiten, Softwareverträgen und politischen Eitelkeiten. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, wenn Kommunen sich eine digitale Infrastruktur teilen?



