43 Prozent – warum digitale Bürgerbeteiligung in kleinen Gemeinden so selten ist und was sich ändern muss

43 Prozent der westdeutschen Kleinstädte bieten digitale Bürgerbeteiligung an. Das ist das Ergebnis einer Studie der TU Dresden, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Universitäten Leipzig und Koblenz, die über 10.000 Kommunen befragt hat. 43 Prozent – das bedeutet: Mehr als jede zweite Kleinstadt hat kein einziges digitales Beteiligungsformat. Keine Plattform, keine Online-Umfrage, kein Mängelmelder. Nichts.

Bei Großstädten liegt die Quote bei 96 Prozent. Das überrascht niemanden. Was überrascht: In Ostdeutschland bieten 62 Prozent der Kleinstädte digitale Beteiligung an – fast zwanzig Prozentpunkte mehr als im Westen. Die Forscherinnen und Forscher sprechen von einem „Ost-Effekt“, der sich ausgerechnet bei den kleinen Kommunen am deutlichsten zeigt.

Das Problem ist nicht die Technik

Wer mit Bürgermeisterinnen und Sachbearbeitern in Gemeinden unter 10.000 Einwohnern spricht, hört selten „Wir brauchen eine Plattform“. Er hört: „Wir haben niemanden, der das betreut.“ 63 Prozent der Großstädte haben eine eigene Abteilung oder zumindest eine feste Personalstelle für Bürgerbeteiligung. In kleinen Gemeinden gibt es das nicht. Dort macht das die Hauptamtsleiterin mit, oder der Bürgermeister persönlich, oder – meistens – niemand.

Die TU-Dresden-Studie bestätigt: Die durchschnittliche Kommune, die digitale Beteiligung anbietet, hat rund 47.000 Einwohner. Wer darunter liegt, fällt statistisch durchs Raster. Nicht weil die Technik fehlt, sondern weil die Strukturen fehlen, in denen Beteiligung stattfinden könnte.

Dabei wäre gerade in kleinen Gemeinden die Ausgangslage eigentlich ideal. Die Wege sind kurz, die Themen konkret, die Betroffenheit direkt. Wenn in einer Gemeinde mit 3.000 Einwohnern ein Spielplatz umgebaut wird, betrifft das gefühlt jeden zweiten Haushalt. In München verschwindet dasselbe Projekt in einer Liste von 200 anderen.

Drei Modelle, die funktionieren

Es gibt kein Patentrezept. Aber es gibt – das zeigen die Kommunen, die es tatsächlich tun – drei realistische Wege.

Die Eigenständige. Kirchheim bei München hat seit 2021 eine eigene Beteiligungsplattform: mitmachgemeinde.de. Kein Provisorium, kein Pilotprojekt. Eine Gemeinde, die sich bewusst dafür entschieden hat, ihren Bürgerinnen und Bürgern einen digitalen Kanal zu geben – obwohl sie weder eine IT-Abteilung noch ein Beteiligungsreferat hat. Die Plattform läuft auf Consul, wird extern gehostet und betreut. Der Aufwand für die Verwaltung beschränkt sich auf das, was sie inhaltlich sowieso leisten muss: Projekte definieren, Informationen bereitstellen, Ergebnisse auswerten. Das ist aufwändig genug – aber es ist machbar.

Was dieses Modell voraussetzt: politischen Willen. Einen Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin, die Beteiligung nicht als Risiko sieht, sondern als Arbeitserleichterung. Und einen Dienstleister, der die technische Seite übernimmt.

Die Interkommunale. Seit März 2026 betreiben Bad Homburg, Friedrichsdorf und die Gemeinde Wehrheim eine gemeinsame Beteiligungsplattform unter seid-dabei.de. Drei Kommunen, ein System, getrennte Bereiche. Jede Gemeinde hat ihren eigenen Auftritt, ihre eigenen Projekte, ihre eigene Verwaltung – aber die Infrastruktur teilen sie sich. Friedrichsdorf hat rund 26.000 Einwohner, Wehrheim knapp 10.000.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Kosten sinken, der Betrieb wird professioneller, und die Bürgerinnen kennen das System aus der Nachbarkommune. Die TU-Dresden-Studie nennt das den „regionalen Peer-Effekt“ – Kommunen, die von anderen Kommunen mit digitaler Beteiligung umgeben sind, führen sie signifikant häufiger selbst ein.

Das interkommunale Modell hat eine Voraussetzung, die man nicht unterschätzen sollte: Die beteiligten Kommunen müssen sich auf gemeinsame Standards einigen. Auf ein gemeinsames Erscheinungsbild, auf Datenschutzregeln, auf die Frage, wer das System administriert. Das klingt trivial. In der kommunalen Praxis ist es das nicht.

Die Landkreis-Lösung. Im Landkreis Kusel in Rheinland-Pfalz – ländlich, dünn besiedelt, weit weg von jeder Großstadt – gibt es seit 2022 eine Beteiligungsplattform: mitmachen-landkreiskusel.de. Der Landkreis stellt die Plattform bereit, die Verbandsgemeinden und Ortsgemeinden nutzen sie für ihre Projekte. In Welchweiler – einem Dorf mit wenigen hundert Einwohnern – lief darüber ein „Zukunfts-Check Dorf“, bei dem Bürgerinnen und Bürger über die Entwicklung ihres Ortes mitdiskutieren konnten.

Dieses Modell ist für den ländlichen Raum vermutlich das realistischste. Einzelne Ortsgemeinden werden nie die Ressourcen haben, eine eigene Plattform zu betreiben. Aber ein Landkreis kann eine Infrastruktur schaffen, die alle nutzen – ohne dass jede Gemeinde das Rad neu erfinden muss.

Was kleine Gemeinden anders machen

Die TU-Dresden-Studie zeigt noch etwas: Kleine Gemeinden setzen digitale Beteiligung thematisch anders ein als Großstädte. Während München und Hamburg über Verkehrskonzepte und Klimaschutzstrategien abstimmen lassen, geht es in kleinen Kommunen um Gemeindeentwicklung und Mängelmelder. Um den konkreten Gehweg, das Feuerwehrhaus, die Dorferneuerung.

Das ist kein Nachteil. Im Gegenteil – es ist ein Vorteil. Beteiligung funktioniert dort am besten, wo die Ergebnisse sichtbar werden. Wo man den Bürgermeister in der Bäckerei trifft und fragen kann, was aus dem Vorschlag geworden ist. Die Rückkopplung, die Großstädte mühsam institutionalisieren müssen, passiert in kleinen Gemeinden manchmal von selbst.

Aber nur, wenn es überhaupt einen digitalen Kanal gibt.

Fast 90 Prozent aller Kommunen – egal welcher Größe – nennen Transparenz als wichtigstes Ziel von Bürgerbeteiligung. In kleinen Gemeinden heißt Transparenz oft: Der Aushang im Rathaus, die Bekanntmachung im Amtsblatt, vielleicht ein PDF auf der Gemeinde-Website. Das reicht nicht mehr. Nicht weil die Bürgerinnen und Bürger es fordern – sondern weil die nächste Generation von Zugezogenen es erwartet. Wer in eine Gemeinde zieht und kein digitales Beteiligungsangebot findet, zieht seine Schlüsse.

Die 43 Prozent sind kein Naturgesetz. Sie sind das Ergebnis fehlender Strukturen, fehlender Vorbilder und – oft genug – fehlender politischer Priorität. Die Technik ist da. Die Modelle sind da. Die Frage ist nur, wer den ersten Schritt macht.

Kennen Sie eine Gemeinde unter 10.000 Einwohnern, die digitale Beteiligung ernst nimmt – und was macht sie anders als die anderen?